Mordprozess : 19-jähriger Enkel zu Höchststrafe verurteilt

Erdal W. hat seine Großeltern erstochen. Der 19-Jährige wollte sich für die Scheidung seiner Eltern rächen. Das Gericht verurteilte ihn wegen Mordes zu zehn Jahren Jugendstrafe.

Kerstin Gehrke

Es war eine geplante und brutale Tat, durch die Erdal W. seine Mutter bestrafen wollte. Das stand für die Richter fest. Der 19-Jährige habe seine Großeltern „zu Ersatzopfern degradiert, zu Objekten herabgewürdigt“, hieß es Mittwoch im Urteil. Wegen Mordes an seinen Großeltern wurde Erdal W. zur höchstmöglichen Jugendstrafe von zehn Jahren verurteilt.

Das blutige Familiendrama begann mit der Trennung seiner Eltern. Als seine deutsche Mutter zu einem anderen Mann zog, schlug sich Erdal W. auf die Seite seines türkischen Vaters. Im Sog des 43-jährigen Sahin Ö., der die Trennung nicht akzeptieren wollte, ging er am 8. Januar mit zur Wohnung des Rivalen. Im Streit schlug Erdal W. mit einer Hantel zu und verletzte den Nebenbuhler seines Vaters durch mehrere Messerstiche.

"Ich war unter Schock", sagte der Angeklagte

Während der Vater verhaftet wurde, konnte der Sohn untertauchen. Der bis dahin unauffällig lebende Erdal W. sei dazu übergegangen, „Probleme aus der Welt zu schaffen, indem er Gewalt anwendet“, sagte der Richter. Am Morgen des 14. März fuhr er zu den Eltern seiner Mutter, die im Erdgeschoss eines Wohnhauses in der Rudower Druckerkehre lebten. „Er hatte den Entschluss gefasst, seine Großeltern umzubringen“, waren die Richter überzeugt.

Das war im Prozess umstritten. Erdal W. hatte beteuert, dass er lediglich mit seinen Großeltern reden wollte – in der Hoffnung, dass sie ihre Tochter zur Rückkehr zur Familie bewegen könnten. Nach seiner Version kam es zum Streit. Als Heribert R. mit einem Gehstock zuschlug, habe er ein Messer vom Tisch genommen und zugestochen. Als ihn Ursula R. wegziehen wollte, stach er erneut zu. „Ich war unter Schock“, sagte der Enkel.

Das Messer ist verschwunden

Die Richter glaubten ihm nicht: „Die Spurenlage passt mit seinen Angaben vorn und hinten nicht zusammen.“ Maßgeblich sei die Tatwaffe. „Wir sind davon überzeugt, dass er das Messer aus der Wohnung seiner Cousine mitgenommen hat.“ Bei der Zeugin hatte Erdal W. übernachtet. Sie gab zu, dass am Tattag ein Messer aus der Küche fehlte. W. machte zu der bis heute verschwundenen Waffe wechselnde Angaben. Er wollte aus Sicht des Gerichts „Art und Herkunft des Messers verschleiern“. Dass er die Großeltern überreden wollte, auf seine Mutter Claudia W. Einfluss zu nehmen, erschien den Richtern nicht glaubhaft.

Erdal W. hörte dem Urteil regungslos zu. Er hatte im Prozess nur einmal deutlich Gefühle gezeigt. Das war bei der Aussage seiner Mutter. Er schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte. „Er hatte nie ein gutes Verhältnis zum Vater“, sagte die 38-jährige Mutter. Sahin Ö. habe ihn als „zu fett“, unsportlich und „bekloppt“ beschimpft. Claudia W. verließ den Vater ihrer vier Kinder nach 21 gemeinsamen Jahren. „Er hat mir alles verboten, ich kam mir vor wie eine Gefangene.“

"Eine brutale Hinrichtung", sagte der Ankläger

Enttäuscht, traurig, wütend. So reagierte Erdal auf ihren Entschluss, sich scheiden zu lassen. Er, der kaum über Gefühle reden kann, befand sich in einer emotional außergewöhnlichen Situation. Das erkannten alle Prozessbeteiligten an. Doch eine Tat im Affekt konnte das Gericht nicht erkennen; der Ankläger sprach sogar von einer „brutalen Hinrichtung“ aus Rache an der Mutter. Die Verteidiger hatten auf Totschlag plädiert. Sie haben bereits Revision angekündigt.

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