Mordprozess : Mutter soll Baby mit infizierten Spritzen misshandelt haben

Mordprozess gegen 30-jährige Mutter: Sie wollte ihr 19 Monate altes Baby mit verunreinigten Spritzen töten. Mehrfach musste der Junge wegen lebensbedrohlicher Blutvergiftungen durch Darmbakterien auf der Intensivstation behandelt werden.

Kerstin Gehrke

Die kleine, ausgemergelt wirkende Frau sah kurz zu ihren Verteidigerinnen und schüttelte dann den Kopf. Nein, sie wolle nicht aussagen, derzeit jedenfalls nicht. Die rechtlichen Diskussionen, die ihre Anwältinnen anstießen, verfolgte sie fast regungslos. Heike S. ist die Mutter, die ihren 19 Monate alten Sohn angeblich mit verunreinigten Spritzen umbringen wollte. Seit gestern muss sich die 30-Jährige wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht verantworten.

Der Staatsanwalt geht davon aus, dass die Frau aus Reinickendorf unter dem „Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom“ litt. Um für sich selbst mehr Anteilnahme und Aufmerksamkeit zu erfahren, soll sie das Kleinkind grausam misshandelt haben. Mit 14 Spritzen, die mit ihren eigenen Fäkalien verseucht waren. Mehrfach musste der Junge wegen lebensbedrohlicher Blutvergiftungen durch Darmbakterien auf der Intensivstation behandelt werden.

Tatort war laut Anklage ein Krankenzimmer. Der in seiner Entwicklung retardierte Junge lag zwischen im Herbst 2007 mit einer Virusinfektion in einer Klinik. Heike S. betreute ihren Sohn, schlief mit ihm im selben Zimmer. Sollte er wegen eines Fieberschubes auf die Intensivstation verlegt werden, widersprach sie zunächst. Sie habe einen „Kontrollverlust“ verhindern wollen, hieß es im Anklagesatz. Der Junge lag bereits einen Monat im Krankenhaus, als eine Krankenschwester in der Waschtasche seiner Mutter gebrauchte Einwegspritzen sah.

Die Ärzte hatten nun einen konkreten Verdacht und benachrichtigten sofort Polizei und Jugendamt. Heike S. wurde der „unbewachte“ Umgang mit ihrem Sohn untersagt. Ein halbes Jahr liefen umfangreiche Ermittlungen. „Infektionen im Krankenhaus musste man ausschließen können“, sagte der Staatsanwalt am Rande des Prozesses. Als chemische und DNA-Analysen vorlagen, wurde Heike S. verhaftet. Sechs Wochen später wurde sie gegen Auflagen von weiterer Untersuchungshaft verschont. Das Sorgerecht ist ihr entzogen worden. Das hat seit zwei Monaten der Vater des inzwischen dreijährigen Sohnes. Dieser sorgte nun für ein Problem. Er hatte die Ärzte, die seinen Sohn behandelte haben, zunächst von ihrer Schweigepflicht entbunden. Knapp eine Woche vor Prozessbeginn widerrief er dies aber. Das Gericht rief daraufhin das zuständige Familiengericht an und erwirkte inzwischen eine einstweilige Verfügung, wonach das Jugendamt über die Schweigepflicht der Ärzte entscheiden muss.

Heike S. hörte geduldig zu. Sie galt in ihrer Familie und bei Nachbarn als liebevolle, fürsorgliche Mutter. Nun lebt der Junge beim Vater. Als der 40-Jährige den Saal betrat, zeigte sie keine Regung. Er wird erst später im Beistand seiner Anwältin aussagen. Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.

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