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Nach erneuter Brandstiftung : Polizei verstärkt Soko - Körting: Rauchmelderpflicht, aber nicht sofort

Erneute Brandstiftung: Im Flur eines Hochhauses in Neukölln stand ein Sofa in Flammen. Die Polizei stockt ihre Ermittlungsgruppe auf und erhöht die Belohnung zur Ergreifung der Täter. Körting erwägt Pflicht für Rauchmelder.

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Brandspuren. Hausflur und Briefkästen in der Erlanger Straße in Neukölln sind verrußt. Hier wurde in der Nacht zum 17. März ein Kinderwagen angezündet. Foto: dapd
Brandspuren. Hausflur und Briefkästen in der Erlanger Straße in Neukölln sind verrußt. Hier wurde in der Nacht zum 17. März ein...Foto: dapd

Trotz des verheerenden Feuers mit drei Toten in der Neuköllner Sonnenallee geht die Brandserie in Neukölln weiter. Gestern früh stand ein ausrangiertes Sofa in der siebten Etage eines Hochhauses in der Onckenstraße in Flammen. Es befand sich nahe dem Müllschlucker im Treppenflur.

Verletzt wurde niemand. Die Polizei ermittelt wegen schwerer Brandstiftung. In Neukölln geht jetzt die Angst vor einem gefährlichen Serienbrandstifter um – oder offenbar skrupellosen Nachahmungstätern. Um den Fahndungsdruck zu erhöhen, hat die Polizei ihre Sonderkommission („Ermittlungsgruppe Sonnenallee“) gestern um sechs Beamte aufgestockt. 37 Ermittler versuchen nun den oder die Täter zu überführen. Gleichzeitig wurde die Belohnung zur Ergreifung der Brandstifter um das Fünffache auf 25 000 Euro erhöht.

Auch die Politik reagiert: Innensenator Ehrhart Körting, der sich bislang für Freiwilligkeit bei Rauchmeldern stark macht, äußerte sich gegenüber dem Tagesspiegel nun so, er als für die Feuerwehr zuständiger Senator Rauchmelder aus fachlicher Sicht für sinnvoll und erforderlich halte. Er appelliere an Eigentümer, auf die Installation von Rauchmeldern in den Wohnungen der Mieter zu dringen, vor allem aber für die Installation von Rauchmeldern in allen öffentlich zugänglichen Teilen des Gebäudes, insbesondere in Treppenhäusern, zu sorgen.

Sollten die Aufrufe zur freiwilligen Installation von Rauchmeldern bis Ende des Jahres nicht erkennbar Wirkung zeigen, sei er sich mit der Senatorin für Stadtentwicklung darüber einig, dass dann, wie in anderen Bundesländern auch, eine gesetzliche Regelung getroffen werden muss.

Auch, wenn der jüngste Brandort nahe dem Kiehlufer einige Kilometer von den vorigen Tatorten entfernt liegt, sind viele Bewohner im Kiez in großer Sorge, dass es als nächstes ihr eigenes Treppenhaus treffen könnte. Allein innerhalb einer Woche wurde in drei Neuköllner Wohnhäusern Feuer gelegt – meist waren es Kinderwagen, die angezündet wurden.

Die Polizei will trotz der Häufung der Fälle nicht von einer Serie sprechen. „Wir können derzeit nicht sagen, ob es sich hier um einen Serienbrandstifter handelt. Vergleichbare Taten wurden in der Vergangenheit von Gelegenheitstätern aus dem Nahbereich begangen“, sagte Polizeisprecher Frank Millert. Er wies darauf hin, dass es auch in den vergangenen Jahren im Schnitt etwa einen brennenden Kinderwagenbrand pro Woche gab. 50 Fälle waren es 2009, 45 im vorigen Jahr. Bis Mitte Februar dieses Jahres wurden zehn Kinderwagenbrände registriert.

Kinderwagen-Brandstiftungen in Berlin im Januar 2012
Die verbrannten Reste eines Kinderwagens in Prenzlauer Berg. Den mutmaßlichen Brandstifter hatte die Polizei im August gefasst. Fünf Monate später erhob der Staatsanwalt Anklage. Ein 29 Jahre alter Zeitungsausträger aus Neukölln hatte gestanden, aus "Schwabenhass" Kinderwagen in Brand gesteckt zu haben. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
1 von 21Foto: dpa
06.01.2012 19:08Die verbrannten Reste eines Kinderwagens in Prenzlauer Berg. Den mutmaßlichen Brandstifter hatte die Polizei im August gefasst....

Doch auch, wenn noch unklar ist, ob in Neukölln ein Serienbrandstifter oder Nachahmungstäter am Werk sind, ist klar: Der oder die Zündler haben sich offensichtlich bislang nicht von den verheerenden Folgen des Feuers in der Sonnenallee, wo vor einer Woche drei Menschen – darunter ein Säugling – starben, abschrecken lassen. Einem Brandstifter auf die Spur zu kommen, ist besonders schwierig: Für seinen Anschlag benötigt der Täter nur ein Feuerzeug, alle angezündeten Gegenstände standen bereits in den Hausfluren. Dem Zündler bietet sich damit eine einfache Tatgelegenheit, das Feuer breitet sich schnell aus, und er kann rasch entkommen. Dies wissen auch Nachahmungstäter und fühlen sich durch diese Umstände und die zunehmende mediale Aufmerksamkeit erst recht angestachelt.

Ein ähnliches Phänomen ist auch bei anderen Straftaten bekannt: So gehen zum Beispiel längst nicht alle angezündeten Autos auf das Konto von politisch motivierten Linksextremisten. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass beispielsweise auch „actionorientierte Täter“ oder „Krawall-Touristen“ ohne politischen Hintergrund Brandsätze unter Autos gelegt haben – allein schon, weil die Tatdurchführung relativ einfach ist und die Polizei nicht an allen Stellen gleichzeitig sein kann.

Auch nach dem tödlichen Holzklotz-Wurf von einer Autobahnbrücke in Niedersachsen hatten einige Nachahmungstäter Autofahrer in Lebensgefahr gebracht und der Polizei viel Arbeit beschert: Hier waren es vor allem Jugendliche und Kinder, die offenbar über die Folgen nicht weiter nachgedacht hatten.

Auch bei den sich zeitweise gehäuften Anschlägen auf BVG-Busse, die mit Steinen beworfen oder Luftgewehren beschossen worden waren, war die Polizei von Nachahmern ausgegangen. Eines scheint diesen Tätern gemeinsam: Sie genießen die Aufmerksamkeit, die solche Taten nach sich zieht und sind sich entweder der möglichen Folgen nicht bewusst – oder nehmen sie billigend in Kauf.

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