Nach Überfall auf "Jennifer Rostock"-Sängerin : Rund um das RAW-Gelände häuft sich die Gewalt

Der Bekannte der "Jennifer Rostock"-Sängerin Jennifer Weist hat nach dem Messer-Angriff auf dem RAW-Gelände das Krankenhaus verlassen. Im Kiez häuft sich die Gewalt.

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Jennifer Weist, hier als Sängerin der Band Jennifer Rostock auf der Bühne, berichtete von einem Messerangriff auf einen Freund auf dem RAW-Gelände.
Jennifer Weist, hier als Sängerin der Band Jennifer Rostock auf der Bühne, berichtete von einem Messerangriff auf einen Freund auf...Foto: Felix Kästle/dpa

„Ey Mädschen“, kommt die Stimme von rechts. „Drogen? Drugs? Weed?“ Starr blickt die Touristin geradeaus, tut, als hätte sie den Lockruf nicht gehört, die Gruppe der Drogendealer nördlich des S-Bahnhofs Warschauer Straße nicht bemerkt. Geradeaus die Revaler Straße hoch, bis zur Kreuzung der Warschauer Straße, dann ist sie raus aus dem Risikobereich, zumindest dem gröbsten.
Das Areal rund um das ehemalige Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) ist nicht nur eines der populärsten Ausgehviertel Berlins und eine auch bei Besserverdienenden zunehmend angesagte Wohngegend. Es ist auch einer der bekanntesten Drogenumschlagplätze der Stadt, an dem sich in jüngster Zeit Gewalttaten häufen, oft in Verbindung mit versuchtem Raub. Nachdem in der Nacht zum Sonntag 15 Männer zwei holländische Touristen krankenhausreif geprügelt worden waren, die einen Taschendieb ertappt hatten, wurde am Dienstag ein weiterer Vorfall aus der selben Nacht bekannt. Ein Freund der Sängerin Jennifer Weist, Frontfrau der Band Jennifer Rostock, war von einem Räuber mit einem Messer in den Hals gestochen worden. Auch er hatte sich gegen den Täter gewehrt, der die beiden beklaut hatte. „Ich habe die offene Wunde und die pochende Schlagader gesehen. Es ist krass, dass Leute für eine Scheißhalskette töten würden“, sagte die seit zehn Jahren in Friedrichshain wohnende Weist dem Tagessspiegel, „ich hätte nie gedacht, dass es in meinem Kiez so weit kommt.“ Ihr Freund ist mittlerweile aus dem Krankenhaus entlassen worden. "Alles in allem lief das glimpflich", meint die Sängerin.

Mit ihrem Post wollte Weist die Leute darauf aufmerksam machen, dass rund um das RAW-Gelände immer mehr Gewalt Einzug erhalten hat. Die Gang-Mitglieder habe es ja schon vorher gegeben, aber nun seien sie deutlich aggressiver und sprächen auch Kinder und alte Menschen an. "Das ist nicht der erste Fall, den ich hier mitbekommen habe. Ich will eine Debatte anregen, wie man das Gelände wieder sicherer machen kann", meint die 28-Jährige. Doch die Rocksängerin will auch keine Panik schüren. "Die Leute sollen immer noch gerne hier herkommen, wir sollten diesen banden das Gelände nicht überlassen."

Am Ende möchte sie sich noch einmal explizit bei den beiden Passanten bedanken, die mit ihrem couragierten Eingreifen Schlimmeres verhindert hätte. "Diese Zivilcourage ist nicht selbstverständlich, die beiden wurden auch massiv bedroht", lobte Weist.

"Diese Typen beklauen meine Gäste und dealen direkt vor meinem Laden"


Aus Sicht vieler Menschen, die auf dem Areal oder in der Nähe arbeiten, hat sich die Situation verschlimmert. "Seit über vier Jahren betreibe ich hier schon mein Lokal", erzählt ein Gastronom, der anonym bleiben möchte, "aber erst vor kurzem wurde es so schlimm hier mit den Dealern, dass wir unsere Tische und Stühle vor dem Außenbereich nehmen mussten". Der Mann, der in der drückenden Mittagshitze verschwitzt hinter seiner Vitrine steht, hebt mit einer resignierenden Geste die Arme. "Diese Typen haben keinen Respekt, beklauen meine Gäste, dealen direkt vor meinem Laden.". Auch am Dienstagmittag sieht man schon eine, offensichtlich auf Kundschaft wartende, Gruppe von jungen Männern, die sich im Schatten der Bäume entlang der Mauer an der Revaler Straße herumdrückt. Auf der anderen Seite, kurz vor der Warschauer Brücke stehen am Dienstagmittag zwei Polizeibeamte und Mitarbeiter des Ordnungsamtes. Sie sind gerade dabei, eine Gruppe von alkoholisierten Punks mit ihren Decken, Hunden und biergefüllten Einkaufswagen des Platzes zu verweisen. Der Grund: Ruhestörung. Auf den Hinweis, dass fußläufig entfernt Menschen stehen, die illegale Drogen verkaufen, reagiert einer der Polizisten mit einem Achselzucken. „Sind Sie das erste Mal hier? Selbst wenn wir die jetzt festnehmen würden, morgen stünden sie wieder dort“. Auf die Frage, wie das passieren könne, schaut er belustigt. „Alle überfordert, Richter, Politik, alle einfach.“

Das RAW im Wandel
Hinter den Mauern verbirgt sich der Club Haubentaucher. Jan Denecker, Daniel Lente und Azar Moorad sind drei der vier Inhaber und Herren über die Baustelle. Ab Ende April 2015 wird hier eine Menge geboten: Pool, Biergarten, Event-Location und später auch eine Bar.Weitere Bilder anzeigen
1 von 14Foto: Thilo Rückeis
10.03.2015 18:18Hinter den Mauern verbirgt sich der Club Haubentaucher. Jan Denecker, Daniel Lente und Azar Moorad sind drei der vier Inhaber und...

Neue Beleuchtung für die Revaler Straße


Das sieht der Innensenator naturgemäß anders. „Die Polizei ist dort bereits jetzt sehr präsent. Sie wird alles daran setzen, solchen Tätern das Handwerk zu legen“, verspricht Frank Henkel (CDU) mit Blick auf die jüngsten Gewalttaten. Dass mit der Polizeipräsenz sieht Holger Werner anders. Er ist Sprecher des Verein Clof, der auf dem Gelände zwei Häuser bespielt und findet, "das Areal ähnelt einer gesetzlosen Zone, in der weder Security, noch Polizei etwas ausrichten können". Erst im April wechselten Grundstücke auf dem RAW-Gelände die Besitzer. Seitdem gehören zwei Drittel des Areals dem Göttinger Familienunternehmen, der Bau- und Immobilienfirma Kurth-Gruppe , ganze 52.000 Quadratmeter. Inhaber Hans-Rudolf Kurth merkte an, die Kurth-Gruppe würde aktiv an Verbesserungen wie der "Rodung von Büschen und der Entwicklung eines neuen Beleuchtungskonzepts im Gelände", arbeiten. Kurth monierte zudem die schlechte Beleuchtung, die sich im angrenzenden Raum, insbesondere an der Revaler Straße befände.

Sven Heinemann, SPD-Vorsitzender von Friedrichshain und Anwohner, sieht „Verdrängungseffekte“ durch die strengeren Kontrollen im Görlitzer Park, wodurch noch mehr Dealer nach Friedrichshain strömten, mittlerweile bis weit in die Simon-Dach-Straße. Der Politiker unterstellt der grünen Bezirksbürgermeisterin, sich nur um Kreuzberg zu kümmern und Kieze in Freidrichshain zu vernachlässigen.

Heinemann fordert einen Runden Tisch mit Polizei, BSR, Eigentümern, Clubbetreibern und Politik, um das Problem anzugehen. Einen konkreten Vorschlag hat er schon: Die noch aus DDR-Zeiten stammende Beleuchtung in der Revaler Straße soll erneuert werden.

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