Pankow : Radfahrer überfahren und geflohen

Ein 55-jähriger Autofahrer steht wegen Mordversuchs vor Gericht: Er hatte einen jungen Mann überfahren und soll aus Angst vor finanziellen Konsequenzen geflüchtet sein.

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Langsam rollte das Vorderrad auf den Radler zu. „Ich lag auf der Straße, der Motor heulte auf, ich sah dieses Rad, das immer näher kam.“ Es fiel dem jungen Mann schwer, im Gericht über diese schreckliche Szene zu sprechen. „Ich dachte, es geht mir ans Leben.“ Er konnte sich noch wegdrehen, spürte einen Schlag auf den Kopf. Als er die Augen öffnete, sah er Rücklichter eines massigen Geländewagens. Benjamin P. wurde erst an-, dann überfahren. Der Autofahrer muss sich seit gestern wegen versuchten Mordes verantworten.

Harald M., ein 55-jähriger Kaufmann aus Brandenburg, ist nach dem Unfall in Pankow mit dem Radfahrer P. nicht ausgestiegen. Zwei Tage später soll er sich bei der Polizei zu seinem Motiv geäußert haben: „Scheiße, ich hab kein Geld und fahre weg“, habe er nach dem Crash gedacht. Die Ermittler gehen deshalb davon aus, dass er sich möglichen finanziellen Konsequenzen entziehen wollte. Er habe aus Habgier gehandelt, heißt es in der Anklage. Ein Vorwurf, den M. bestreitet.

„Finanzielle Erwägungen spielten keine Rolle“, erklärte er gestern im Gericht. Der Radfahrer sei plötzlich aufgetaucht. Trotz Vollbremsung habe er die Kollision nicht verhindern können. „Ein Geräusch, dann war Ruhe.“ Angeblich war ihm nicht bewusst, dass der Mann vor seinem Auto lag. Er habe darauf vertraut, dass er rechts vom Auto liege. Er habe „physikalisch“ gedacht: „Was von links kommt, muss nach rechts fliegen.“ Und dann sei da eine zweite Person gewesen, die bedrohlich wirkte. „Ich hatte Angst, bin losgefahren.“

Der Kaufmann war mit einem auffälligen Auto unterwegs: ein Geländewagen GM Escalade, über zwei Meter breit, um die 300 PS. Der 22-jährige Benjamin P. fiel über die Motorhaube auf die Straße. Danach rollte der Wagen über ihn hinweg. Das Opfer erlitt einen Schlüsselbeinbruch, Schürf- und Platzwunden, seine Beine waren geschwollen. Was er bei der Flucht gedacht habe, wollte die Richterin von M. wissen. „Da ist jemand, der sich darum kümmert“, antwortete er.

Zwei Tage nach dem Unfall vom 9. September 2007 standen zwei Polizisten vor der Tür des Kaufmanns. Geld als Motiv der Flucht will er nur als „Versuch einer Ausrede“ vorgebracht haben. Er sei geschockt und den bohrenden Fragen der Beamten ausgesetzt gewesen. „Ich sagte das, weil ich meine Ruhe haben wollte.“ Bei P. entschuldigte er sich. Es war zu viel für den jungen Mann. Tränen liefen ihm übers Gesicht: „Warum hast du mich da voll überfahren? Jeder vernünftige Autofahrer steigt aus!“ Der Prozess geht Freitag weiter. Kerstin Gehrke

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