Peter J. : Rudower Bombenleger gesteht Anschlag

Der sogenannte Bombenleger von Rudow, Peter J., muss sich seit Mittwoch für den Anschlag mit einer Briefbombe verantworten, bei dem seine Nichte Charlyn lebensgefährlich verletzt wurde. Vor Gericht gestand der 33-Jährige die Tat.

Kerstin Gehrke

Peter J. sitzt im roten Shirt zwischen seinen beiden Verteidigern und redet ohne Punkt und Komma. Zuweilen fällt er in einen regelrechten Plauderton. „Es ist ja so viel passiert“, erzählt der Angeklagte beispielsweise. „Ich wollte die Polizei dazu bringen, wegen des Einbruchs bei mir zu ermitteln“, sagt er und lacht auf. Es sei ja schwierig, sich jetzt vor Gericht zu verteidigen. „Weil ich Charlyn verletzt habe. Aber das wollte ich nicht.“

Peter J. ist der sogenannte Bombenleger von Rudow. Seit gestern muss sich der 33-Jährige für den Anschlag verantworten, bei dem seine Nichte Charlyn lebensgefährlich verletzt wurde. Zwei Sprengfallen soll Peter J. am 26. November letzten Jahres gelegt haben – im Briefkasten der Familie seiner Stiefschwester und auf dem Auto seines Schwagers. Das gibt er unumwunden zu: „Es war natürlich ein Fehler.“ Aber er habe nicht Charlyn treffen wollen. „Sie war die Einzige in der Familie, die ich mochte.“ Auf ihren Vater hatte er es abgesehen. „Hand ab – dafür, dass er geklaut hat“, fügt Peter J. hinzu und lacht wieder auf. Er habe „ein Zeichen setzen“ und so Ermittlungen um den Einbruch in seine Wohnung erzwingen wollen, für den er die Eltern des Mädchens verantwortlich machte.

Die damals zwölfjährige Charlyn kam gerade aus der Schule und wollte wie gewohnt die Post aus dem Briefkasten des Mehrfamilienhauses am Selgenauer Weg in Rudow nehmen. Als sie den Umschlag berührte, löste sie die Explosion aus. Charlyns rechter Arm wurde zerfetzt, außerdem erlitt sie schwere Verbrennungen im Gesicht. Das Mädchen musste etliche Operationen über sich ergehen lassen. Bis Mitte Februar lag sie im Krankenhaus. Ihren Arm und ihre Hand könne sie inzwischen teilweise wieder bewegen, sagen die Anwälte, die für Charlyn und ihren Vater mit im Saal sitzen.

Peter J. sagt, dass Charlyn ihm leid tue. Über den Rest der Verwandtschaft verliert er kein gutes Wort. „Wir waren keine richtige Familie“, sagt er. Die Verwandtschaft würde „dreist lügen“. Charlyns Mutter, seine Stiefschwester, habe bei ihm einbrechen lassen. Mit einem Transporter seien die Einbrecher vorgefahren, „20 000 bis 30 000 Euro Schaden“. Das soll Ende 2007 gewesen sein. Seine Stiefschwester habe ihn verhöhnt: „Die Polizei macht sowieso nichts, du bist ja vorbestraft.“ Das ist der arbeitslose Neuköllner tatsächlich. Nicht als Gewalttäter, sondern wegen Eigentums- und Verkehrsdelikten.

Peter J. lässt seine schmalen Finger über den Tisch tanzen. „Die wollten mich umbringen lassen“, behauptet er. Angeblich lebte er monatelang in Angst. Von „Assis aus einem Reno“ berichtet er und von einem „älteren Herren mit einer Knarre“, der plötzlich vor ihm gestanden habe. Es klingt paranoid – war Peter J. damals also nicht zurechnungsfähig?

Die zweite Bombe hatte er in einer Bohnendose getarnt. Dass sie nicht hochging, sei ein glücklicher Umstand, sagt der Staatsanwalt. Peter J. habe sich rächen und seine verhasste Familie verstümmeln wollen. Dabei hätte es ihn „nicht gestört“, wenn jemand gestorben wäre. Das aber bestreitet J. „Mein Ziel war es nicht, zu töten“, beteuert er. Elf Tage lang war er auf der Flucht, bevor er am Ostbahnhof gefasst werden konnte.

Schließlich reflektiert Peter J. über sich selbst: „Ich war in einer komischen Verfassung.“ Er sei nicht feige, habe keine Minderwertigkeitskomplexe. Auch ein psychiatrischer Gutachter hört zu. Bislang soll er eingeschätzt haben, dass J. voll schuldfähig sei. Die Frage nach der damaligen Verfassung des Angeklagten ist der Kernpunkt der Beweisaufnahme. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt. Kerstin Gehrke

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