Polizeidienst in Berlin : Vom Alltag auf Streife

Er müsse Gewalt aushalten, sagt Felix Neumann, Berliner Polizist: "Sie gehört zu meinem Beruf." Aber direkt vor die Tür, an der er klingelt, stellt er sich längst nicht mehr – es könnte geschossen werden.

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Maßnahme vorgenommen. Felix Neumann lernte in der Ausbildung, das Zusammentreffen mit dem Bürger möglichst als Dialog zu gestalten.
Maßnahme vorgenommen. Felix Neumann lernte in der Ausbildung, das Zusammentreffen mit dem Bürger möglichst als Dialog zu...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Felix Neumann sucht einen freien Parkplatz. Es gibt keinen. Am Ende der Triftstraße stehen Halteverbotsschilder. Sie sollen den Wendekreis freihalten. Er rangiert mit dem kastenartigen Renault G8T, dem kleinen Gruppenwagen, vor und zurück. Zum Wenden ist es zu eng. Weil es wie überall in Berlin auch in Wedding Bürger gibt, die sich um Verbote nicht scheren.

Neumann nennt das Verhalten dieser Leute „ordnungswidrig“. Die Vokabel hat er vor zehn Jahren in seinen Wortschatz aufgenommen. Dort macht sie sich so breit, dass es zuweilen klingt, als spräche er eine andere Sprache. Die Sprache, die zwischen ihm und anderen Menschen eine gewisse Distanz schafft. Man hört: Er ist Polizist.

Eine Frau mit Kinderwagen beobachtet sein Manöver, erfuchtelt mit den Händen seine Aufmerksamkeit. Er lehnt sich aus dem Seitenfenster. Sie müsse mit den Zwillingen zum Arzt an der Ecke, ruft sie, doch außer im Halteverbot könne man nirgends parken. Im Auto trägt Neumann keine Mütze. Von schräg hinten fällt ein Pony ins Gesicht. Er wischt ihn weg. Der Pony widersetzt sich und fällt wieder. „Ist eines der Kinder krank?“, fragt er. Die Frau redet und redet. Hätte er die Mütze auf, wären die längeren Haare drunter und nur die kurz geschorenen Seitenpartien zu sehen. „Der arme Junge“, sagt er. „Gehen Sie mal! Und gute Besserung!“

Da steht die nächste Frau vor ihm. „Bin schon weg“, sagt sie. Taucht in ein parkendes Auto, lässt den Motor aufjaulen, flieht. Auch ein Mann in Handwerkerkluft, der eine Störung beseitigen soll, hat die Verbotsschilder ignoriert. „Schreiben Sie mich auf?“, fragt er. Am Seitenfenster des Polizeiautos herrscht Andrang wie am Eiswagen von Mr. Frosty. Es scheint, als bestätige sich an diesem Sommertag ein Grundsatz der Berliner Polizei. Die bloße Anwesenheit des Kommissars verleitet die Bürger zu korrektem Verhalten. Handwerker und Polizist sehen einander in die Augen. „Dann beseitigen Sie mal die Störung“, sagt Neumann. Realisiert damit ein weiteres Polizeiprinzip: Das Zusammentreffen mit dem Bürger sollte immer ein Dialog sein.

Prinzipien stehen an oberster Stelle. Aber was, wenn sie unten kaum einer beachtet? Die Bürger der Bundesrepublik dialogisieren nicht mit der Polizei, sie werden ihr gegenüber aufsässig, gar gewalttätig. 3114 von knapp 16 000 Berliner Polizisten verletzten sich im Jahr 2010 im Dienst. Eine bundesweite Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen ergab, dass sich auch in der Hauptstadt die Zahl der Polizisten, die nach Angriffen tagelang dienstunfähig waren, in den vergangenen Jahren verdoppelt hat. Nicht nur Demonstranten, alkoholisierte Jugendliche und Hooligans sind gefährlich. Selbst Polizisten, die nur Streife gehen, werden angepöbelt, beleidigt, beschimpft. Schon Ausweiskontrollen lösen Gegenwehr aus. Der Bürger rempelt, schubst, spuckt.

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