Polizeieinsatz : In Zivil gegen Dealer

Die angekündigte Offensive der Polizei gegen Drogenhandel im Nahverkehr startet. Die Beamten sollen vor allem die Hintermänner fassen.

Jörn Hasselmann

Der Dealer wurde am U-Bahnhof Kurfürstendamm beobachtet – eine der Stationen, die bei der Polizei als „Brennpunkt des Drogenhandels“ gilt. Die Beamten in Zivil folgten dem Mann, an der Ecke Kantstraße/Fasanenstraße wurde er, sich heftig zur Wehr setzend, festgenommen. Die Zivilbeamten hatten den richtigen Blick. Der Mann hatte 48 „Kügelchen“ Kokain und 25 Verkaufsrationen Heroin bei sich sowie über 1000 Euro in kleinen Scheinen – im Polizeijargon eine „szenetypische Stückelung“.

Bald sollen die Beamten ein Teil der neuen Sonderkommission „Sinod“ sein, die Anfang des Monats von Polizeipräsident Dieter Glietsch vorgestellt worden war. „Sinod“ steht für „Sicher im Nahverkehr ohne Drogen“. Mehrere Dutzend Beamte sollen die Organisation des Drogenhandels aufklären und den Einsatz der Zivilfahnder organisieren. Die neue Soko war das Ergebnis eines Krisengesprächs, zu dem Polizeipräsident Dieter Glietsch die Chefs von BVG, Bahn und S-Bahn im Mai eingeladen hatte. Denn der Handel mit Drogen hatte in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit drastisch zugenommen – zum Ärger der Fahrgäste, die teilweise auf Bahnhöfen und in Zügen von den jungen Tätern belästigt und bedroht wurden. In einer Analyse der Innenverwaltung heißt es, dass überall dort mit Drogen gehandelt wird, wo es „günstige Tatgelegenheitsstrukturen“ gibt – und das gelte „nahezu im gesamten U-Bahn-Verkehr“.

Als Linie mit den meisten Dealern gilt die U8: 17 der 24 Stationen der Nord-Süd-Linie gelten als „Brennpunkt“, es folgt die U9 mit 14 von 18 Dealerstationen. 2006 hatte die Polizei 1334 Drogenhändler im Bereich des öffentlichen Nahverkehrs erwischt – die Dunkelziffer wird zudem als sehr hoch eingeschätzt. Verkauft werden vor allem Kokain und Heroin. Die Dealer haben in der Regel nur solch geringe Mengen dabei, dass ein Haftbefehl nicht möglich ist – am nächsten Tag stehen sie wieder im Bahnhof.

Das soll jetzt anders werden. Die Fahnder der neuen Soko sollen die Hintermänner festnehmen, und zwar „beweissicher“, wie es heißt. Denn, wenn man – wie in dem Fall am Donnerstag – mit 73 Rationen erwischt wird, kann man sich nicht mehr rausreden, dass die Drogen für den Eigenbedarf bestimmt sind. Und so wurde auch Haftbefehl erlassen. D. sitzt jetzt in U-Haft. Zuvor hatten die Beamten ihn zur Beobachtung in eine Klinik gebracht, da vermutet wurde, dass er einige Kügelchen verschluckt hatte. Obwohl dies lebensgefährlich sein kann, falls die Kügelchen platzen, setzt die Berliner Polizei seit 2006 keine Brechmittel mehr ein. Denn vor einem Jahr hatte der EU-Gerichtshofs geurteilt, dass das Brechmittel gegen die Menschenwürde verstößt.

Bei der Vorstellung der Sonderkommission hatte die Polizei die BVG aufgefordert, „dunkle Ecken“ zu beseitigen und alle Betriebsräume mit Sicherheitsschlössern auszustatten. Häufig hatten Dealer sich oder ihre Ware in unterirdischen Nebenräumen versteckt, die sie mit einem simplen Vierkantschlüssel öffnen konnten. BVG-Sprecherin Petra Reetz sagte, dass der Umbau bei anstehenden Sanierungen nach und nach erfolgt. Zudem wollen Polizei und BVG auf einem Bahnhof testen, ob es sinnvoll ist, die Videokameras aus dem Polizeipräsidium zu steuern. Die Polizei könnte dann erkannte Dealer heranzoomen und verfolgen. Schon jetzt laufen die Bilder einiger Stationen im Präsidium ein.

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