Polizisten lernen Türkisch : „Merhaba, Hände hoch!“

Interkulturelle Kompetenz für die Straße: Um nicht von türkischen Kollegen abhängig zu sein, können Berliner Polizisten neuerdings freiwillig Türkisch für den Alltagsgebrauch lernen.

Ferda Ataman
Polizeipräsident Glietsch will das Verständnis für Migranten verbessern.
Polizeipräsident Glietsch will das Verständnis für Migranten verbessern.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Am besten gefiel den Polizisten das Wort „schöjle-böjle“, was so viel heißt wie „so lala“. Gefragt, wie es ihnen geht, zeigen einige inzwischen sogar die passende Bewegung zur mäßigen Befindlichkeit: Die flache Hand hin und her drehen. Gelernt haben sie das in einem Sprachkurs, den die Türkische Gemeinde zu Berlin (TGB) seit diesem Jahr anbietet. Vier Unterrichtsstunden pro Woche und dreieinhalb Monate später sprechen die Teilnehmer zwar nicht fließend Türkisch, aber sie können grüßen und sich mit Beruf vorstellen – zum Beispiel so: „Merhaba, benim adim Ingo. Ben polisim.“ Also: Guten Tag, mein Name ist Ingo. Ich bin Polizist.

14 Pioniere der Polizei haben Ende Juni die ersten Türkischkurs-Zertifikate erhalten. Zur Feier kam auch Polizeipräsident Dieter Glietsch und gratulierte. Er weiß schon lange um den Nutzen von Türkischkenntnissen im Berliner Berufsalltag. Daher wirbt seine Behörde um Mitarbeiter aus Einwandererfamilien. Inzwischen hat jeder zehnte Nachwuchspolizist einen Migrationshintergrund, doch es mangelt vor allem an polnisch-, türkisch- und arabischsprachigen Kollegen. Um nicht von ihnen abhängig zu sein, können Freiwillige neuerdings Türkisch für den Alltagsgebrauch lernen. Im Kurs werden auch Bräuche und Gewohnheiten erklärt, ebenso wie die eine oder andere Geste.

Die Absolventen des ersten Crashkurses sind Polizeibeamte der Direktion fünf in Neukölln und Kreuzberg, wo besonders viele Türken leben. Doch spätestens seit der Schulung wissen sie: Türke ist nicht gleich Türke. Was die Religion angeht, unterscheiden sich Aleviten von Sunniten, Großstädter aus Istanbul wollen nichts mit Anatoliern aus der Provinz zu tun haben, und manche türkische und kurdische Jugendliche pflegen den von ihren Eltern mitgebrachten ethnischen Konflikt weiter. Die besonders Fleißigen unter den Kursteilnehmern könnten auch am Geburtsort eines „Turkoberliners“ ableiten, zu welcher Gruppe er vermutlich gehört. An einer Landkarte hatten die Dozenten erklärt, welche Region in der Türkei von wem bewohnt ist.

Das neu erworbene Wissen sollen die Streifenpolizisten und Kripobeamten beim Einsatz anwenden. Erste Erfolge hat es offenbar schon gegeben. Ein Kursteilnehmer berichtete bei der Zertifikatsfeier von einem Verkehrsunfall, bei dem seine Türkischkenntnisse hilfreich waren. Während die Beteiligten am Unfallort noch aufgeregt über Schuld und Unschuld stritten, unterbrach er sie in ihrer Muttersprache. Das habe die Leute dermaßen überrascht, dass sie verstummten und sich dann freundlich dem Polizisten zuwandten. Laut Bekir Yilmaz, dem Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde, können „schon ein paar türkische Worte von Polizisten eine angespannte Situationen lockern und zeigen, dass die Beamten sich für ihr Gegenüber interessieren.“

Der Türkischkurs ist zwar neu, aber Teil eines größeren Rahmenprogramms. „Für die Berliner Polizei hat das Thema Integration und Migration einen hohen Stellenwert“, sagt Sprecher Thomas Goldack. Die Behörde fördert deshalb seit Jahren den Erwerb und die Vermittlung von interkultureller Kompetenz. Doch schon bald könnte es neben der Polizei auch für andere Mitarbeiter der Verwaltung einen Anreiz geben, den Unterricht der TGB zu besuchen: Falls das noch für dieses Jahr geplante Integrationsgesetz in Kraft tritt, sollen „interkulturelle Kompetenzen“ nicht nur bei Einstellungen, sondern auch bei Beförderungen und Beurteilungen positiv berücksichtigt werden. Doch auch ohne Gesetz haben sich die Türkischanfänger der Polizei bereits freiwillig für einen Aufbaukurs im Herbst angemeldet.

Viele haben es offensichtlich genossen, mal ungeniert Fragen über Türken loszuwerden, die sich im Lauf der Jahre angesammelt haben. „Warum beschimpfen manche Leute ihre eigenen Kinder mit ,Du Eselssohn‘?“ fragte ein Polizist etwa. „Damit beleidigt man sich doch selbst“, stellte er fest. Lehrer Fikret Göçmener, ausgebildeter Leiter von staatlichen Integrationskursen, tat sich bei dieser Frage selber schwer. „Das fragen wir Türken uns auch manchmal“, sagte er. „Es ist eben ein gängiges Schimpfwort und kommt einem über die Lippen, wenn man wütend ist.“

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