Postbeamter : 780 000 Euro im Bundestag veruntreut

Gelegenheit macht Diebe: Ein früherer Beamter der Poststelle nutzte seine Blankovollmacht aus und prellte den Bundestag um knapp 780 000 Euro. Zehn Jahre blieb die dreiste Masche mit Nachnahmesendungen unentdeckt - bis eine neue Chefin kam.

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Tatort Bundestag: Der 43-jährige Leiter der Postfiliale im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus wirtschaftete laut Staatsanwaltschaft jahrelang in die eigene Tasche.
Tatort Bundestag: Der 43-jährige Leiter der Postfiliale im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus wirtschaftete laut Staatsanwaltschaft...Foto: dpa

Der „König von der Poststelle“ fühlte sich jahrelang sicher. „Eigentlich kontrolliert keiner“, beruhigte er einen Postboten. Sein Chef habe „keine Ahnung oder keine Lust“. Und was sie für sich abzweigten, falle nicht weiter auf, sei „das Trinkgeld“. Die großen Töne aber sind dem Beamten vergangen. Klaus B., ein 43-jähriger Mitarbeiter der Poststelle des Bundestags, sitzt seit Freitag wegen besonders schwerer Untreue vor dem Landgericht. Mitangeklagt ist der damalige Postbote Tino L. (44). Die Männer haben den Bundestag von März 2007 bis Januar 2012 um knapp 780 000 Euro geprellt.

Die Masche war dreist – und leicht durchschaubar. Oberamtsmeister Klaus B., zu dessen Aufgabe das Annehmen der Pakete gehörte, packte eines Tages Papier und leere Flaschen in einen Karton und schickte den Müll dann als Nachnahmesendung an den Bundestag – adressiert an sich selbst. Gleichzeitig stand sein Name als Lieferant der angeblichen Ware auf dem Zahlschein. Die Summe – später meist jeweils rund 3000 Euro – überwies sich Klaus B. einfach auf sein Privatkonto. Bei der dritten Sendung sprach der Zusteller den Schwindel an: „Fällt das denn nicht auf?“ Der Beamte erklärte, es sei nichts zu befürchten. Da dachte sich der Postbote: „Wenn da so viel Geld übrig ist, könnte ich ja was von dem Kuchen abbekommen.“

Die Anklägerin listete 246 Fälle seit 2007 auf. Tatsächlich aber ergaunerten die Männer bereits seit 2002 regelmäßig Gelder. Das gaben die Angeklagten auch zu. Strafrechtlich aber sind diese Taten verjährt. Bei Untreue beträgt die Frist nur fünf Jahre. Mit zunehmender Dauer steigerten die Abzocker ihre Frequenz. Nach dem Motto: Gelegenheit macht Diebe. „Der Kontrollmechanismus versagte komplett“, fasste einer der Verteidiger zusammen. Bei Klaus B., als Beamter im einfachen Dienst tätig, ballten sich die Verantwortlichkeiten – unkontrolliert.

Täglich gehen in der Poststelle des Bundestages tonnenweise Pakete und Briefe ein. Blindes Vertrauen herrschte nach Schilderungen des untreuen Beamten. Es lief nach eingespielten Mechanismen, teilweise offenbar mit Gleichgültigkeit. Sein Chef hatte zwar die Befugnis, die Auszahlungsbelege auszufüllen, habe es aber nicht gemacht, sagte der Beamte. „Ob er nicht wollte oder nicht konnte, weiß ich nicht.“ Eine andere Kollegin sei in Kassenfragen ahnungslos gewesen, ein weiterer Mitarbeiter habe ihm vorgelegte Belege gern „rechnerisch richtig“ gezeichnet. „Er hatte Langeweile.“ Klaus B. rühmte sich: „Ich war der Einzige, der sich um den Haushalt in der Poststelle kümmerte.“ Dieser betrug immerhin 800 000 bis 900 000 Euro im Jahr.

Eine Neuerung im Jahr 2006 nutzten der Beamte und der Postbote, um ihren Schwindel zu vereinfachen. Eine Postcard wurde eingeführt. Sie sollte für Porto- und Nachnahmegebühren oder den Kauf von Briefmarken für die Büros der Vizepräsidenten verwendet werden. Das tägliche Limit betrug 10 000 Euro. Tino L. schlug vor: „Es reicht aus, wenn wir die Paketmarke scannen.“ Klaus B. packte keine Kartons mehr. Sie kopierten sogar die Postcard. So konnte L. auch allein scannen. Die Abzocke flog erst mit einer neuen Chefin auf. Klaus B. kam für vier Monate in Untersuchungshaft.

Doch der damalige „König von der Poststelle“ gab sich überfragt, als es um den Verbleib der Beute ging. Einmal sei er zum Fotokurs nach Mallorca geflogen, einmal zum Fotografieren nach Lanzarote oder zahlte auch mal 1200 Euro monatlich für Sport. „Hatte da einen Personal Trainer, bisschen für den Rücken, ich war damals kränklich“, sagte der Beamte. Es waren im Durchschnitt 6800 Euro, die er sich monatlich zu seinen 2200 Euro netto genehmigte. Alles sei weg. Sparsam war der Postbote: Bei ihm wurden 298 000 Euro sichergestellt – 371 000 Euro hatte er kassiert. Der Prozess geht Mittwoch weiter.

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