Prenzlauer Berg : Stasi-Spitzel erschoss sich im Park

Ein ehemaliger Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi hat sich am Sonntagabend in einem Park in Prenzlauer Berg umgebracht. Der 76-Jährige bespitzelte jahrelang den Nobelpreisträger Günter Grass - doch seine Geschichte ist alles andere als gradlinig.

Michael Hörz

BerlinKarlheinz Sch. setzte seinem zerrissenen Leben auf einer Parkbank im Bötzowviertel ein Ende. Anwohner bemerkten gegen 18:15 Uhr einen Mann, der mit einer Waffe in der Hand umherlief und drohte, sich zu erschießen. Als Polizei und Notarzt eintrafen, war es schon zu spät. Sch. hatte sich bereits in den Kopf geschossen, er starb innerhalb kürzester Zeit.

Der Historiker, der vor der Wende an der Ostberliner Akademie der Wissenschaften arbeitete, sollte laut der Zeitung "B.Z." an Altersdepressionen gelitten haben. Vor einem Jahr machte die Birthler-Behörde öffentlich, dass Sch. als IM "Schäfer" seit Mitte der Siebziger für die Stasi arbeitete. Er war der ältere Bruder eines regimekritischen Schriftstellers, der viele Kontakte in der Ostberliner Literatenszene hatte. Aus diesem Grund setzte die Stasi ihn neben anderen auf Günter Grass an. Der Geheimdienst wollte mehr über Grass' politische Aktivitäten im Osten erfahren. Da Sch. zusammen mit seinem Bruder an Treffen zwischen ost- und westdeutschen Literaten teilnahm, war die Stasi immer bestens informiert.

Kooperativ erst nach großem Druck der Stasi

Allerdings war Sch. ein zwiespältiger Charakter. Er entschied sich 1950, nach Westdeutschland zu gehen. Wenig später kehrte er zurück, weil er dort keine Berufs- und Aufstiegschancen für sich sah. Mit dem System der DDR war Sch. ebenfalls nicht glücklich. Die Stasi trug belastendes Material über ihn zusammen, weil er Polizisten provoziert und sich mit tschechoslowakischen Dissidenten getroffen hatte. Die Stasi drängte Sch. 1975 zu einer Zusammenarbeit, auch weil dieser Angst Nachteilen hatte. Anfangs lieferte er nur unzureichende Ergebnisse, er soll der Stasi bestimmte Fakten verschwiegen und SED-Funktionäre als Idioten bezeichnet haben.

Die Stasi-Leute setzten Sch. ziemlich massiv unter Druck, so dass er schließlich wie gewünscht arbeitete. Er berichtete sogar über seinen Bruder, der 1977 die DDR verließ. Er arbeitete der Stasi so bereitwillig zu, dass ihm deren Chef Erich Mielke 1970 die "Verdienstmedaille der Nationalen Volksarmee" in Bronze verlieh. Nach der Wende lebte Sch. zurückgezogen in Prenzlauer Berg, stets im Wissen, seine nächste Umgebung an die Stasi verraten zu haben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben