Prozess : Brust vergrößert, Lunge ruiniert

Heute wird der Prozess gegen einen Schönheitschirurgen, der den Tod einer seiner Patientinnen verursacht haben soll, fortgesetzt. Auch eine andere Frau meint, er habe sie geschädigt.

Udo Badelt

Die Visitenkarte zeigt eine pralle Frauenbrust. Auf der nackten Haut perlen Wassertropfen. Doch dieses Glück hat seinen Preis, und der steht daneben: „Brustvergrößerung 3000 Euro“. Die Karte ist zerknittert, als sie Birgül E. (Name geändert) aus der Schublade holt. Für die schlanke 34-Jährige hat das Stück Papier keine Leuchtkraft mehr. Denn der Preis, den sie zahlen musste, wäre fast der höchste gewesen, sagt sie: ihr Leben. Der Chirurg Reinhard Sch., der ihr in seiner Praxis am Kaiserdamm die Brust vergrößert hat, sitzt seit vergangener Woche in Untersuchungshaft. Er soll für den Tod einer anderen Patientin verantwortlich sein. Birgül E. hat davon in der Zeitung gelesen und sofort gewusst: „Bei dem war ich auch. Das hätte auch mich treffen können.“

Am 12. September hatte ihr Reinhard Sch. in einer mehrstündigen Operation zwei Silikontaschen in die Brüste implantiert. Doch dabei entstand ein Loch in der linken Lunge, die sich mit Wasser füllte. Schon auf dem Weg nach Hause hatte Birgül E. Atemnot, die sich in den folgenden Tagen verschlimmerte. Reinhard Sch. habe zu ihr nur gesagt: „Mädchen, hab’ dich nicht so. Ich habe dir einen Gefallen getan.“ Er soll sie dringend davor gewarnt haben, ins Krankenhaus gehen – dort würden ihr die Brustimplantate sofort wieder entfernt. Aber Birgül E. konnte immer schwerer gehen und atmen, sie musste einen Monat im Sitzen schlafen. Das Gluckern, das sie hörte, komme vom Darm, habe sie Reinhard Sch. beruhigt. Zwei Wochen war sie wegen der Operation krankgeschrieben, als sie danach wieder als Arzthelferin arbeitete, konnte sie nicht mehr richtig reden, das Wasser lief ihr unkontrolliert aus dem Mund. Einen Monat lang versuchte sie es. Dann wollte sich ihr Chef das nicht länger ansehen. Sie erhielt die Kündigung.

Schließlich ging sie zu einem anderen Arzt. Das war am 14. Oktober. Der machte Röntgenaufnahmen und schickte sie sofort ins Krankenhaus. Sie hatte inzwischen eineinhalb Liter Wasser in der Lunge. „Die Lunge war kollabiert und im Prinzip nicht mehr vorhanden“, erklärt sie, während sie die Röntgenaufnahmen auf dem Tisch ausbreitet. „Reinhard Sch. hatte mich auch zwei Mal geröntgt. Er muss das Wasser gesehen haben, hat aber nichts gesagt.“ Wenn die Flüssigkeit auch noch in ihre rechte Lunge geraten wäre, hätte Birgül E. sterben können. In den DRK Klinik Mitte in der Osloer Straße wurde das Wasser durch eine Drainage abgelassen. Danach dehnte sich ihre Lunge wieder aus, das Loch wuchs zu. Zwei Wochen war sie in der Klinik. Heute sieht sie den 14. Oktober als ihren zweiten Geburtstag an. Die Brustimplantate übrigens hat man in der Klinik nicht entfernt. Die fühlten sich jetzt gut an und machten am wenigsten Probleme, sagt Birgül E.

Lange Strecken kann die 34-Jährige immer noch nicht laufen, auch keine schweren Gegenstände heben. Sie lebt von Hartz IV, im Zimmer spielt ihr fünfjähriger Sohn, der andere ist in der Schule. Vom Vater der Kinder lebt sie getrennt. „Ich muss wieder arbeiten. Aber im Moment weiß ich noch nicht, wo und wann.“ Die Unterlagen zum Fall Reinhard Sch. hat sie einem Anwalt übergeben, der jetzt prüft, ob er den Fall übernimmt. Wenn ja, dann würde es wahrscheinlich auf eine Schmerzensgeldklage hinauslaufen.

Wie viele Frauen noch betroffen sind, ist zur Zeit unklar. Birgül E. sagt beim Verabschieden: „Ich hoffe, dass jetzt noch mehr Patientinnen von Reinhard Sch. zum Anwalt gehen.“ Dann muss sie sich gleich wieder hinsetzen.

Der Prozess, in dem sich der Schönheitschirurg Reinhard Sch. für den Tod einer Patientin verantworten muss, wird heute fortgesetzt.

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