Prozess gegen 37-Jährige : Kinder stürzten vom Balkon: Milde für die Mutter

Eine Mutter soll ihre zwei Kinder so sehr vernachlässigt haben, dass sie in Lebensgefahr gerieten: Zehn Meter stürzten die Geschwister vom Balkon in die Tiefe. Doch das Gericht wertete den Vorfall als ein Unglück und kein Verbrechen.

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Sie war nicht da, als sich zwei ihrer Kinder in große Gefahr brachten. „Was für ein verdammter Tag, sie waren doch nie alleine“, sagten später Nachbarn. Tränen liefen der Mutter über das Gesicht, als sie am Freitag vor Gericht über das Drama im Juni sprach. Als sie in die Neuköllner Hermannstraße einbog, kümmerten sich bereits Ärzte um Julia, sieben Jahre alt, und Milan, elf Jahre alt. „Ich dachte, sie sind tot“, weinte die 37-Jährige. Sie waren vom Balkon gestürzt. Fast zehn Meter tief. Sie hatten großes Glück.

Slavica S. nickte, als die Staatsanwältin die Anklage verlas. Ja, die Kinder waren allein. Die Große, zwölf Jahre alt, Milan, Julia und der Zweijährige. Aber hat sie ihre Fürsorgepflicht „gröblich verletzt“, wie es in der Anklage hieß? Ist sie eine Rabenmutter? Slavica S. wollte nun alles genau erklären. „Es hatte sich alles zugespitzt.“ Einen Tag vor Himmelfahrt und einer Geburtstagsfeier in der Familie. Die Kinder wollten erst nicht zu der Party gehen, dann aber doch. Ein Geschenk musste her. „Die Große wollte nicht mit leeren Händen dort erscheinen, es wäre ihr peinlich gewesen.“ Weil am nächsten Tag die Geschäfte geschlossen hatten, fuhr die Mutter gegen 21 Uhr noch los.

Hastig sprach die Angeklagte. Die Diskussion mit den Kindern, die im Innenhof spielten und nicht mit zum Einkauf wollten. Der Gedanke, dass im Hof noch viel Trubel herrschte und andere Eltern aufpassten. Sie entschied, allein zu fahren. „Julia und Milan sollten im Hof bleiben, bis ich komme“, schluchzt sie. Die Zwölfjährige habe sich um den jüngsten Bruder gekümmert. „Mein größter Fehler war, dass ich keine Nachbarn angesprochen habe.“

Julia und Milan (Namen der Kinder geändert) waren auf den Balkon der in der dritten Etage gelegenen Wohnung gegangen. Sie wollten mit einem Mädchen aus der Nachbarschaft spielen: Stöckchenwerfen von Balkon zu Balkon. Doch Julia verlor das Gleichgewicht. Der Bruder wollte die Schwester noch retten. Sie stürzten und wurden um 21.45 Uhr auf dem Rasen im Innenhof gefunden. Als die Mutter wenig später vom Einkauf zurückkehrte und im Rettungswagen ihre Kinder sah, sackte sie zusammen. Julia erlitt bei dem Sturz einen Lungenriss, ihr Bruder brach sich eine Rippe.

Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht kann mit Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren geahndet werden. Prügelnde Eltern oder solche, deren Kinder im Müll leben müssen, sitzen in solchen Verfahren auf der Anklagebank. Slavica S. ist ein anderer Fall. Nichts Wichtigeres als die Kinder gibt es für sie. „Ich war so froh, dass der fürchterliche Sturz vergleichsweise glimpflich ausging“, sagte sie. Nach dem Unfall sorgte sie für eine psychologische Betreuung der Kinder. „Auch eine Familienhilfe wollte ich, aber da hat sich bislang noch nichts getan.“

Der Richter befand: „Sie sind keine schlechte Mutter.“ Es habe sich um einen einmaligen Ausrutscher gehandelt, eine Verurteilung sei nicht erforderlich. Gegen zwei Auflagen wird das Verfahren eingestellt: 450 Euro Buße und weitere sechs Monate psychotherapeutische Behandlung für Mutter und Kinder.

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