Prozess gegen Hundehalter : Ignoranter geht es kaum

Im Mai 2010 griff ein Hund auf einem Spielplatz ein neunjähriges Mädchen an und verletzte es schwer. Jetzt wurde sein Halter zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

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03.11.2011 08:29Allein 79 Beißattacken gehen auf Schäferhunde zurück, sagt ein Bericht aus dem Jahr 2009. 2008 waren es noch wesentlich mehr,...

Berlin - Das Mädchen hatte Todesangst. Ein großer Hund, der plötzlich auf dem Spielplatz aufgetaucht war, hatte sich auf die Neunjährige fixiert. Er sprang, schnappte und biss zu. Das Mädchen erlitt eine schwere Verletzung an der linken Hand, auch in die Beine biss das Tier.

15 Monate nach der schrecklichen Szene saß die Schülerin am Mittwoch im Gerichtssaal. Sie sprach über ihre Wunden. Über den Mann auf der Anklagebank konnte sie dagegen nichts sagen. Michael K. war nicht da, als sein Boxer das Kind anfiel. Er will nicht einmal gemerkt haben, dass der Hund ausgebüxt war.

Gequält sprach Michael K., ein 54 Jahre alter Musiker aus Nikolassee. Er sei ein kranker Mann und habe sich an jenem frühen Abend im Mai 2010 gerade ein Essen zubereitet. Boxer „Titan“ sei „eigentlich“ in der Wohnung gewesen. Schuld sah er nur bei anderen. Ein Nachbar lasse oft die Haustür offen, vermutlich hätten Sprayer ein Loch in den Maschendrahtzaun geschnitten. Wie „Titan“ aber ins Freie kam, könne er nicht sagen.

Ein Hundehalter, wie er kaum ignoranter auftreten kann. „Ich habe mein Tier nie verantwortungslos rumlaufen lassen“, sagte er. Doch erst kurz vor dem Angriff auf dem Spielplatz war der Boxer auf dem Schulhof nebenan aufgetaucht. Auch da sprang der neugierige und verspielte Hund auf Kinder zu. Eine Erzieherin ging dazwischen und drohte K. mit einer Anzeige. Einmal musste der Hausmeister der Schule „Titan“ abschütteln.

Halter K. war also gewarnt. „Haben Sie schon einmal gesehen, wie es aussieht, wenn so ein Hund zubeißt?“, fragte der Nebenklage-Anwalt. Michael K. schwieg. Er hatte sich bis zum Prozess nicht entschuldigt und auch nicht für Klarheit bei der Hundehaftpflichtversicherung gesorgt.

Die kleine Marie spielte mit ihrer Schwester und einer Freundin, als „Titan“ auf sie zukam. Ihr Vater, der gerade im Garten arbeitete, hörte die Schreie. Er rannte los. „Ich sah nur die zerbissenen, blutigen Kleidungsstücke“, sagte der Arzt. Er brüllte, er trat in Richtung des Hundes, der über Marie war. Nachbarn halfen. Das Mädchen erlitt diverse Kratz- und Bisswunden. Viele Narben werden bleiben, die längste zieht sich zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand. Bis heute macht das Zugreifen Probleme.

Es war Maries Vater, der Hund und Halter ausfindig machte und für ein Verfahren sorgte. Das Veterinäramt legte zunächst fest, dass „Titan“ nur noch an einer Leine von maximal zwei Metern ausgeführt werden durfte. K. hielt sich nicht daran. Eine Hundetrainerin schätzte ein, dass „Titan“ nicht aggressiv, aber erziehungsbedürftig sei. K. aber zeigte sich „belehrungsresistent“. Drei Monate nach dem Angriff wurde ihm der Boxer entzogen. Das Gericht verhängte wegen fahrlässiger Körperverletzung neun Monate Haft auf Bewährung. Zudem soll K. 1000 Euro Schmerzensgeld zahlen.

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