Prozess : "Kinder sind sehr zerbrechlich“

Während die Mutter arbeiten ging, passte der neue Lebensgefährte auf ihr Baby auf. Fünf Tage später war es tot. Der 25-Jährige will es sanft in den Schlaf gewiegt haben, die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er das Kind zu Tode geschüttelt hat.

Kerstin Gehrke

Gestreichelt habe er das weinende Baby, beteuerte der Angeklagte. „Ich habe das Kind geliebt wie mein eigenes. Ich bin sehr traurig.“ Die Staatsanwaltschaft aber geht davon aus, dass Bertin A. für den Tod des Babys seiner damaligen Freundin verantwortlich ist. Er soll den sechs Monate alten Jungen der Frau mit beiden Armen gepackt und so heftig geschüttelt haben, dass er tödliche Hirnverletzungen erlitt.

Der Mann aus Kamerun wies gestern vor dem Landgericht die Vorwürfe von sich. Nie habe er dem Baby etwas angetan, nie habe er es geschüttelt. Wenn es weinte, habe er sich immer viel Zeit genommen und es geduldig beruhigt. „Ich trug es umher und sang, bis es schlief.“ Der Kleine sei aber bereits in der Woche zuvor krank gewesen. Der Junge schlief nicht lang und viel. Laut Anklage war er ein so genanntes Schreikind.

Schütteltrauma führt zum Tod

Der 25-jährige Bertin A. war am Vormittag des 23. April allein mit dem Jungen in der Wohnung der Mutter in Mitte. Sie sei nach dem Frühstück gegen halb zehn zur Arbeit gegangen. „Ich trug das Kind im Tragegurt umher“, sagte der Angeklagte. Etwas später habe er den Jungen in den Schlaf gesungen und sei unter die Dusche gegangen. Als das Kind wieder schrie, habe er sofort nachgeschaut. „Es hatte sich erbrochen, es atmete schwer, der ganze Körper war steif.“

Ein Schütteltrauma hatte laut Obduktion zum Tod geführt. Weil Babys ihren Kopf noch nicht stabilisieren können, führen heftige Bewegungen zu Blutungen im Gehirn. In einer Untersuchung heißt es, dass jedes fünfte Kind mit Schütteltrauma seinen Verletzungen erliege. Zwei Drittel der überlebenden Kinder würden Langzeitschäden davontragen.

Es war 12.40 Uhr, als Bertin A. an jenem Vormittag die Mutter des Kindes anrief und ihr sagte, dass es dem Kleinen schlecht gehe. Die Frau verständigte sofort die Feuerwehr und machte sich auf den Heimweg. Im Vivantes-Klinikum in Friedrichshain wurde der Junge operiert. Die Schädeldecke musste geöffnet werden. Fünf Tage später starb das Kind.

"Das Kind hatte manchmal blaue Flecken am Körper"

Da ermittelte die Polizei bereits wegen Kindesmisshandlung. Die Ärzte hatten die Polizei nach den ersten Untersuchungen verständigt. Der erste Verdacht kam auf, als sie blaue Flecken an den Armen des Jungen entdeckten. Auf die Hämatome angesprochen, sagte Bertin A. im Prozess: „Das Kind hatte manchmal blaue Flecken am Körper. Vielleicht, weil es den Kinderwagen nicht angenommen hat und getragen werden musste.“

Die Mutter des Jungen sagte im Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus. Das Gericht befragte auch den leiblichen Vater des Kindes. Der 39-Jährige schilderte seine ehemalige Lebensgefährtin als eher überfürsorglich. Als Ärzte um das Leben seines Sohnes kämpften, hatte er im Krankenhaus kurz mit A. gesprochen. „Kinder sind sehr zerbrechlich“, habe A. erklärt. „Das schien mir merkwürdig“, sagte der Vater. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

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