Prozess : Koma-Wirt: Das Alter der Schnapstrinker spielte keine Rolle

Der 16-jährige Lukas war nicht der einzige Minderjährige, der in der Bar von Aytac G. Alkohol ausgeschenkt bekommen haben soll. Bekannt wurde das in dem Prozess um den Tod des Schülers nach 45 Gläsern Tequila. Der angeklagte Wirt übernahm die moralische Verantwortung.

Klause
Immer wieder Klausenerplatz. In der Bar, in der Lukas W. sich ins Koma trank, residieren seitdem Rockerbanden. Die Polizei schaut...Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinZeugen im Prozess um den Alkohol-Tod eines 16-Jährigen schildern die Bar des Angeklagten als "Anziehungspunkt" für Minderjährige. Niemand wollte einen Ausweis sehen. "Das hatte sich rumgesprochen", sagte ein Schüler. Er war 15 Jahre alt, als er in der Bar von Aytac G. gleich drei Tequila auf einmal serviert bekam. Es war bekannt, dass es dort einen Satz nicht geben würde: "Du bist zu jung, kriegst keinen Alkohol." Das jedenfalls erklärten gestern mehrere Zeugen im Prozess um den Tod des 16-jährigen Lukas nach einem Wett-Trinken mit dem damaligen Wirt.

"Wir haben immer Alkohol bekommen, es wurde nie kontrolliert", meinte der erste Zeuge. "Alle, die ich dort traf, waren noch nicht volljährig", erklärte wenig später der nächste. Ob er auch Erwachsene unter den Lokalgästen gesehen habe? Der 17-jährige Schüler überlegte nicht lange: "Selten! Die Besucher waren eher 15, 16 und 17 Jahre alt." So beschrieb es auch ein heute 20-jähriger Zeuge: "Unter 18 war alles vertreten. Das Lokal war unter Jugendlichen ein Anziehungspunkt. Es war offen für alle, man durfte trinken, was man wollte."

Lukas entdeckte den Schwindel

Im "Eye-T" in Charlottenburg hat sich Lukas W. am frühen Morgen des 25. Februar 2007 zu Tode gesoffen. Runde um Runde schüttete er 38-prozentigen Tequila in sich hinein. Er ahnte nicht, dass sich der zehn Jahre ältere Kontrahent nicht an die Spielregeln hielt. G. soll die Bedienung heimlich angewiesen haben, ihm nur Wasser zu servieren. Bis Lukas W. den Ermittlungen zufolge nach etwa 25 Schnäpsen den Schwindel entdeckte.

Er soll versehentlich ein Glas bekommen haben, das für G. bestimmt war. "Schmeckt ja wie Wasser", habe er gerufen. Von da an soll auch G. Tequila getrunken haben. Lukas brach nach mindestens 45 Gläsern zusammen und fiel ins Koma. Der Gymnasiast kam mit etwa 4,4 Promille Alkohol im Blut ins Krankenhaus. Er starb fünf Wochen später.

Die Verteidigung versucht Lukas zum Thema zu machen

Das Lokal wurde geschlossen, gegen Aytac G. wegen Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt. Seit einer Woche sitzt der 28-Jährige auf der Anklagebank. Er übernahm zu Beginn des Prozesses moralische Verantwortung. Die ließ er über seine Verteidigung verlauten. Er räumte ein, dass er zunächst nur Wasser getrunken hatte. Er behauptete, dass es kein verabredetes Wett-Trinken gewesen sei, dass beim Saufen der Junge einfach nicht aufhören wollte. Als er ging, sei der Schüler auch noch ansprechbar gewesen.

Am zweiten Verhandlungstag ging es wenig um die Frage, wie sich Aytac G. verhielt. Immer wieder wurde Lukas zum Thema gemacht. Hatte er Kummer? War er trinkfest? War ihm das Wett-Trinken wichtig? Die Verteidigung ließ nicht locker. Lukas' Mutter ist im Prozess Nebenklägerin. Sie hörte die Fragen. Sie sah, wie mancher der jungen Zeugen Probleme mit den Fragen hatte. "Insgesamt war Lukas eigentlich immer ein ziemlich glücklicher Mensch", sagte eine heute 19-jährige Schülerin. Sie hatte ihn vor dem tödlichen Duell noch gewarnt: "Pass auf dich auf!" Ein anderer Zeuge sagte: "Er wollte wohl beweisen, dass er eine Menge Alkohol verträgt." Mehrere Jungendliche hatten bereits Tage vor dem Zechgelage von der Wette gewusst. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt. K.G.

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