Prozess : Mai-Krawalle: Schüler bestreiten Mordversuch

Zwei Schüler sollen während der Kreuzberger Maikrawalle einen Brandsatz Richtung Polizei geworfen haben, durch den eine Frau schwere Verbrennungen erlitt. Die Fronten im Prozess vor dem Landgericht sind hart.

Frank Jansen

Sie sehen so gar nicht wie Streetfighter aus, die zwei schmächtigen Jünglinge im alterstypischen Dress: Jeans, Shirts, Turnschuhe. Doch es geht im Saal 817 des Landgerichts um eine harte Geschichte. Der 19-jährige Abiturient Yunus K. und der Schüler Rigo B., 17 Jahre alt, sind mit der gravierendsten Anklage konfrontiert, die jemals nach Maikrawallen erhoben wurde. Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden versuchten Mord vor, weil Yunus K. am 1. Mai eine Brandflasche entzündet und Rigo B. sie in Richtung Polizei geworfen haben soll. Doch es bleibt offen, ob die wahren Täter vor der Jugendkammer stehen. Ungeachtet der Vorgeschichte von Yunus K., der unter Bewährung steht, weil er wegen der Randale in der Walpurgisnacht 2007 verurteilt worden war.

Verteidigung sieht faires Verfahren gefährdet

Die Staatsanwaltschaft habe „schlicht die falschen Personen angeklagt“, sagte am Dienstag zu Prozessbeginn die Anwältin von K., Christina Clemm. Und schon vor Verlesung der Anklage hatte die Verteidigerin von B., Ulrike Zecher, in einer Erklärung Oberstaatsanwalt Ralph Knispel vorgeworfen, er habe seine Objektivitätspflicht „in gravierender Weise verletzt“ – bis hin zum Versuch, entlastende Beweismittel zu unterdrücken. Knispel soll es am 2. und 4. Mai trotz des Antrags eines Anwalts versäumt haben, Kleidungsstücke von Rigo B. kriminaltechnisch untersuchen zu lassen. Außerdem soll der Oberstaatsanwalt in der Anklage mutmaßlich entlastende Fotos von Augenzeugen unterschlagen haben.

Zecher forderte sogar vom Gericht, es solle darauf hinwirken, dass Knispel in dieser Hauptverhandlung als Vertreter der Staatsanwaltschaft abgelöst wird. Knispel wies die Vorwürfe zurück, ging allerdings kaum auf Details ein. Vor Prozessbeginn hatte er angedeutet, an einem Kapuzenpulli, der möglicherweise Yunus K. zuzuordnen sei, habe die Polizei Benzin entdeckt.

In diesem Prozess erscheinen die Fronten starr. Zumal das große öffentliche Interesse, genährt durch den Frust über die endlose Serie von Maikrawallen, zumindest von der Verteidigung als politischer Druck empfunden wird, der ein faires Verfahren gefährden könnte.

Angeklagte weisen sämtliche Vorwürfe von sich

Oberstaatsanwalt Knispel trug dann einen kurzen Anklagesatz vor. Yunus K. und Rigo B. hätten gegen 21.45 Uhr auf der Kottbusser Straße „einen mit Brandbeschleuniger in einer Glasflasche abgefüllten sogenannten Molotow-Cocktail“ hergestellt. Yunus K. soll den Brandsatz entzündet haben. Rigo B. habe den Molotow-Cocktail „in Richtung der in circa 20 Metern Entfernung befindlichen Polizeibeamten“ geschleudert, sagte Knispel. Beide Angeklagten hätten „den Tod eines oder mehrerer Beamter“ zumindest billigend in Kauf genommen. Laut Anklage tropfte ein Teil der brennenden Flüssigkeit aus der fliegenden Flasche und traf eine Frau am Rücken. Die Bekleidung habe umgehend Feuer gefangen. Passanten hätten die Flammen gelöscht, dennoch habe die Frau Verbrennungen zweiten und dritten Grades erlitten. Die Brandflasche mit dem Rest der Flüssigkeit sei wenige Meter vor den Polizisten aufgeschlagen. Es gab eine große Flamme, doch die Beamten blieben unverletzt.

Die Staatsanwaltschaft stützt sich nahezu ausschließlich auf die Aussagen der drei Polizisten, die Yunus K. und Rigo B. festgenommen hatten. Die Angeklagten wiesen sämtliche Vorwürfe zurück. Sie seien am Abend des 1. Mai am Kottbusser Tor gewesen, sagte K., er sei auch bei der Demonstration „kurz“ im schwarzen Block mitgelaufen. Doch er habe sich nicht an Randale beteiligt und sei mit Rigo plötzlich festgenommen worden, als sie vor einer Polizeikette an der Sparkassen-Filiale Durchlass erbaten, um Geld abzuheben.

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