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Prozess : Rocker wegen blutiger Racheaktion vor Gericht

Die vier angeklagten Rocker, die offenbar zu den Bandidos gehören, sollen zwei Männer schwer verletzt haben, die zu den verfeindeten Hells Angels überlaufen wollten. Die Hells Angels haben im Milieu inzwischen das Sagen.

von und

Berlin/Potsdam - Statt Lederkutten tragen sie Jacketts wie junge Geschäftsmänner. Doch die vier Angeklagten sitzen hinter Panzerglas in einem Hochsicherheitssaal, sie sollen den Bandidos angehören und stehen wegen einer blutigen Racheaktion vor dem Landgericht Berlin. Laut Anklage stürmten im März die Rocker mit Baseballschlägern und Messern eine Bar in Berlin-Weißensee, die Männer der konkurrierenden Hells Angels bewachten. Seit Dienstag wird ihnen seit Dienstag wegen versuchten Totschlags und Körperverletzung der Prozess gemacht.

Rocker reden nicht mit den Behörden, Verschwiegenheit – egal ob sie Opfer oder Täter einer Auseinandersetzung sind – ist das szeneinterne Gebot. Im Falle der angeklagten Jungrocker war das etwas anders. Sascha K., 21-jähriger Berufsschüler und bei den Bandidos als Anwärter in der Hierarchie noch unten, ließ über seinen Verteidiger erklären: „Wir wollten den Laden platt machen.“ Die Türsteher seien damals gerade erst von den Bandidos zu den Hells Angels übergelaufen. Abtrünnige gelten im Rockermilieu als Verräter und die Bar drohte zum „Einflussbereich der Hells Angels“ zu werden. Und so machten sich in jener Märznacht mindestens zwölf Bandidos auf den Weg zu der bei den Überläufern beliebten Bar. „Ich dachte, es wird ein Exempel statuiert, der Laden verwüstet“, erklärte K. Er habe höchstens mit leichten Blessuren bei den Gegnern gerechnet, nicht aber damit, dass jemand zu Tode kommen könnte. Ein Hells Angel überlebte einen Messerstich möglicherweise nur, weil er eine schusssichere Weste trug. Am Ende gab es auf jeder Seite zwei Verletzte.

Wer zustach und wer mit der Keule prügelte, ist offen. Zwar sagte auch der 29-jährige Benno S. über seinen Anwalt etwas zur Tatnacht, in Bezug auf Mittäter hielt die rockertypische Mauer des Schweigens jedoch. Die Überläufer hätten Gas versprüht, die „Wolke von Pfefferspray“ habe Sascha K. und Benno S. die Sicht genommen. Der 28-jährige Andreas K., der schwer verletzt wurde, schwieg am Dienstag, der 23-jährige Konstantin S. bestritt die Vorwürfe. Der Prozess geht Freitag weiter.

In der Welt der Rocker sind 2010 die Grenzen neu gezogen worden. Sicherheitsexperten sprachen von einer Übernahmeschlacht. Am geschicktesten gingen dabei die Hells Angels vor. Kenner berichten, dass sie mit ihren drei Chartern – also lokale Ableger – inzwischen die Berliner Rockerszene dominieren. Den Platzhirschen hatte sich im Februar eine der vier Berliner Sektionen der Bandidos angeschlossen – ihnen galt die Racheaktion von Weißensee. Nach diesem waghalsigen Coup folgte ein Brandanschlag auf das Vereinsheim der abtrünnigen Ex-Bandidos in Reinickendorf. Nachdem Hells Angels und Bandidos im Juni in Hannover einen Friedenspakt unterzeichnet hatten, war Ruhe zwischen den Erzfeinden eingekehrt. In dem Papier heißt es, die Clubs werben einander keine Mitglieder ab. Und so konzentrierten sich die Hells Angels auf die dritte relevante Rockergruppe in der Region: Etwa zehn Männer des Gremium MC haben sich vor wenigen Wochen den Ost-Berliner Höllenengeln angeschlossen. Inzwischen soll auch der Präsident eines Berliner Gremium-Ablegers die Seiten gewechselt haben. „Die Hells Angels haben im Milieu nun das Sagen“, sagt ein Kenner mit Blick auf die Rotlichtszene. Rocker versuchen sich oft als Türsteher lukrativer Bars – auch weil sie als Einlasser bestimmen, welche Geschäfte dahinter stattfinden. Die Polizei spricht von Schutzgeld, Drogen und Waffen.

In zwei Wochen geht in Potsdam ein anderer Prozess gegen drei Hells Angels wegen räuberischer Erpressung weiter: Sie sollen Schutzgeld von einem Tattoo-Studio-Inhaber aus Beelitz kassiert haben. Als Drohung habe ein Rocker ein gestohlenes Schaf getötet und den Kadaver vor der Tür des Tätowierers gelegt.

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