Prozess : Schlappe für die Anklage: Mutmaßlicher Autozündler frei

Gericht hebt Haftbefehl gegen 23-jährigen Beschuldigten auf. Und erneut gingen nachts in Kreuzberg und Friedrichshain Autos in Flammen auf.

Frank Jansen

Die Bilder gleichen sich. Der Angeklagte Christoph T. (23) ist blass, er sagt nichts zur Sache, im Publikum sitzen junge Linke, die auch mal höhnisch lachen. Die Atmosphäre im zweiten, am Dienstag im Landgericht begonnenen Prozess gegen einen möglichen Autoanzünder erinnert an das Klima in der Hauptverhandlung, die seit Ende September am Amtsgericht Tiergarten gegen Alexandra R. (21) läuft. Sie ist eine ebenfalls bleiche, schweigende Person, die auf zahlreiche Bekannte unter den Zuschauern zählen kann. Und es gibt noch eine Ähnlichkeit: Die Beweislage erscheint auch im zweiten Prozess wacklig. Allerdings in einem Ausmaß, das die 17. Strafkammer am Mittag den Haftbefehl gegen T. aufhebt. Nach drei Monaten kommt er frei.

Der Angeklagte sei nicht mehr dringend verdächtig, sagt der Vorsitzende Richter, Ralf Fischer, „eine Verurteilung ist derzeit unwahrscheinlich“. Die Spurenlage belege nicht, dass T. mit Lampenöl hantiert habe, unmittelbar bevor es am späten Abend des 17. Juni 2009 in der Pettenkofer Straße in Friedrichshain zu einem Brandanschlag auf einen VW Passat kam. Der Angeklagte lächelt kurz. Im Publikum wird ungläubig, aber freudig gegrinst. Oberstaatsanwalt Thomas Schwarz und seine Kollegin, Staatsanwältin Pamela Kaminski, blicken gefasst. „Am Boden zerstört sind wir nicht“, sagt Schwarz später. Die Ankläger hatten auf eine harte Strafe gehofft, um ein Zeichen der „Generalprävention“ gegen die endlos scheinende Zündelei an Autos in Berlin setzen zu können.

Lampenöl. An den Händen von T., an der Bekleidung und an seinem Rucksack hatte die Polizei nach der Festnahme in der Tatnacht Substanzen festgestellt, die Lampenöl sein könnten. Dieses Indiz hatte für die Staatsanwaltschaft zentrale Bedeutung, neben dem Verhalten von T. und einem weiteren Beschuldigten am Abend des 17. Juni. Polizisten hätten, heißt es in Sicherheitskreisen, kurz nach dem Zeitpunkt der Tat beobachtet, wie T. und ein weiterer Mann durch die Pettenkofer Straße liefen und ihre Oberbekleidung wechselten. Doch das Lampenöl kann die Richter als Indiz nicht überzeugen. Ein Gutachter des Landeskriminalamts sagte gestern, am Tatort seien keine Spuren von Lampenöl gefunden worden. Außerdem hätten sich die „Kohlenwasserstofffraktionen“ durch Ausdünstungen von Öllampen übertragen können. Die Substanzen könnten Wochen an der Kleidung haften bleiben.

Tatzeugen gibt es nicht. Der Mann, der den brennenden Passat entdeckte und die Polizei rief, sah niemanden. Nach ihm sagt die Besitzerin des Passats aus. Die Versicherungskauffrau aus Brandenburg hatte 8500 Euro für den Gebrauchtwagen bezahlt, sie nutzte ihn auch beruflich – und erhielt dann vom Autohändler nur noch einen Restwert. Immerhin habe die Versicherung den Schaden getragen, sagt die Frau.

Die Zündelei geht derweil weiter. Laut Polizei wurden am Dienstag bei mutmaßlich politisch motivierten Brandanschlägen in Friedrichshain-Kreuzberg drei Fahrzeuge beschädigt. Am Legiendamm in Kreuzberg ging ein Geländewagen in Flammen auf, ein daneben parkender Wagen wurde beschädigt. Dann brannte in der Bänschstraße in Friedrichshain ein Fahrzeug der Deutschen Bahn. Offenbar „unpolitische“ Täter steckten in Mariendorf einen Pkw und in Neu-Hohenschönhausen einen Motorroller an.

Die Prozesse gegen Christoph T. und Alexandra R. werden am Freitag fortgesetzt. Im Fall T. ist das Ende der Hauptverhandlung zu erwarten.

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