Prozess : Schlugen Berliner SEK-Männer einen Schüler?

Vier Angehörige einer Spezialeinheit der Berliner Polizei stehen vor Gericht. Sie sollen 2005 einen 17-Jährigen bei der Festnahme schwer mißhandelt haben.

BerlinVersteckt hinter falschen Schnauzbärten und Perücken traten die Angeklagten am Freitag vor den Richter. Hinter der Maskerade verbargen sich vier aktive Beamte eines Berliner Spezialeinsatzkommandos (SEK), die aus Sicherheitsgründen nicht erkannt werden wollten. Drei Jahre nach der Festnahme eines Jugendlichen wird den Männern vom Spezialeinsatzkommando im Alter von 35 bis 42 Jahren vor dem Landgericht Berlin der Prozess gemacht. Die Anklage lautet auf Körperverletzung im Amt.

Die Elite-Polizisten waren am 29. April 2005 gegen 22 Uhr in die Lankwitzer Wohnung des jungen Mannes gestürmt, um ihn festzunehmen. Der damals 17-Jährige stand in Verdacht, an einem bewaffneten Raubüberfall auf einen Supermarkt beteiligt gewesen zu sein. Den Beamten wird vorgeworfen, den Jugendlichen bei dem Einsatz mit Fäusten und einen Schutzschild geschlagen, ihn zu Boden geworfen und in den Rücken getreten haben.

Schüler wurde irrtümlich verhaftet

Der Schüler hatte zahlreiche Prellungen am Kopf und Schürfwunden am ganzen Körper erlitten. Zudem verlor er einen Schneidezahn und zog sich eine geplatzte Oberlippe zu. Die Festnahme stellte sich später als Irrtum heraus. Nach einer Gegenüberstellung wurde der Jugendliche wieder laufen gelassen.

Zu Prozessbeginn bestritten die Angeklagten über ihre Verteidiger die Vorwürfe. Sie hätten nichts getan, was eine Anklage rechtfertigen könnte, hieß es. Ihren übereinstimmenden Erklärungen zufolge habe sich der Verdächtige bei der Festnahme gewehrt. Außerdem habe er seine Hände versteckt gehalten, sodass zu fürchten stand, er könne eine Schusswaffe ziehen. Die Beamten seien keinesfalls wie eine "Rockerbande reingestürmt", betonte ein Verteidiger. Sie hätten sich lautstark als Polizisten zu erkennen geben. Dass es in einem engen Raum zu Verletzungen kommen könne, sei bedauerlich, sagte der Anwalt. Man wolle den Vorfall auch nicht bagatellisieren.

Körperliche und seelische Verletzungen

Aufgrund der Vorgehensweise der Polizisten leidet der heute 19-Jährige nach eigenen Angaben noch immer unter Schlafproblemen. Er habe im Bett gelegen und geschlafen, als er einen "Knall" gehört habe und Männer in sein Zimmer eingedrungen seien. Sie hätten ihn festgehalten und sofort auf ihn eingeschlagen, erzählte der türkischstämmige Heranwachsende. Dabei habe man ihm den Mund zu- und die Beine festgehalten. Schließlich habe er auf dem Boden gelegen, wo er einen Tritt in den Rücken bekam. Erst als das Licht anging, habe er die Männer als Polizisten erkannt, führte er an. Seinen Angaben nach äußerte ein Beamter dabei: "Wenn was sein sollte, sagen wir halt, der ist gegen den Schild gerannt."

Der "Schildträger" der Einsatzgruppe gab vor Gericht tatsächlich an, auf dem dunklen engen Flur auf den 17-Jährigen getroffen zu sein, wobei dieser gegen den Schild prallte. "Hätte ich damit geschlagen, wären andere Verletzungen entstanden", ließ der 35-Jährige erklären. Er äußerte Verständnis dafür, dass solch ein "schlagartiger Einsatz mitten in der Nacht, bei dem jemand aus dem Schlaf gerissen wird, ein traumatisches Erlebnis ist". Zugleich bedauerte er, wenn es dadurch "zu seelischen und körperlichen Verletzungen" gekommen sei. Der Prozess wird nächsten Dienstag fortgesetzt. (hah/ddp)

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