Prozess um Drogentod von Patienten : "Das ist das Böse in uns"

Der Arzt Garri R. setzte bei seinen Patienten Drogen ein – zwei überlebten die Therapie nicht. Heute urteilt das Berliner Landgericht. Acht Jahre Haft fordert der Staatsanwalt.

von

Am Anfang lächelt er jedes Mal sanft in Richtung der Zuhörer. Auf den Bänken recken sich dann Hälse. Bekannte, Freunde, frühere Patienten suchen den Blickkontakt. Garri R., ein bedächtig wirkender Mann, nickt ihnen kurz zu. Als wollte er sagen: „Alles wird gut.“ Signale eines Arztes, der für den Drogentod zweier Patienten verantwortlich sein soll. Nach zweimonatigem Prozess wird sich die Szene heute noch einmal wiederholen: Die Richter wollen ab 14 Uhr im Saal 500 ihr Urteil verkünden.

War es ein tragischer Unglücksfall, wie es der 51-jährige Garri R. und seine Anwälte darstellen? Oder ist er ein Scharlatan, der ein Spiel mit dem Tod betrieb, wie es die Ermittler sehen? Die Ankläger hatten wegen Körperverletzung mit Todesfolge in zwei Fällen und gefährlicher Körperverletzung in fünf Fällen acht Jahre Haft gefordert. Zudem wollen sie ein lebenslanges Berufsverbot. Aus Sicht der Verteidiger aber ist R. lediglich Fahrlässigkeit vorzuwerfen. Er habe Patienten nicht bewusst schädigen wollen, sondern sich bei der Dosierung geirrt. Auf maximal drei Jahre Haft plädierten sie.

Die zwölf Patienten, die am 19. September 2009 im Therapieraum der Hermsdorfer Praxis von R. saßen, hatten sich auf eine „gemeinsame Reise“ eingestellt. Das Ziel sollte jeder für sich selbst bestimmen. Sie saßen mit ihrem Therapeuten im Kreis. Leise Musik, viele Decken und Kissen auf dem Fußboden. Um elf Uhr reichte Garri R. Kapseln mit einer Substanz, die nicht verboten ist.

Zwei Stunden später füllte er Pulver in Gläsern ab. 120 bis 140 Milligramm sollten es jeweils sei. Die Menge auf der Waage kam ihm groß vor. Er setzte die Brille auf, wog nach, schob alle Zweifel beiseite. Da hatte er selbst bereits LSD geschluckt. Eine „kleine Menge“, gab er zu. Um „einfühlsamer“ zu sein, sagte der Arzt für Allgemeinmedizin und Psychotherapie. Er hatte nach späteren Schätzungen die zehn- bis 20-fache Menge in die Gläser getan. Die Drogen, die er selbst genommen hatte, könnten ihm einen „bitteren Streich“ gespielt haben, sagte ein Anwalt.

Sieben Patienten tranken das Gift, das „bewusstseinserweiternd“ wirken sollte. Unruhe brach aus. Zitternde Körper, bleiche Gesichter. Ein Mann riss sich die Kleider vom Leib. Eine Frau kroch durch den Raum. Ein 59-jähriger Frührentner krümmte sich auf dem Boden. „Bleibt bei euch“, feuerte R. seine Patienten an. „Das ist das Böse in der Welt, das Böse in uns.“ Der Frührentner starb noch in der Praxis, ein 28-jähriger Student in einer Klinik.

Er setzte auf eine „Psycholytischen Psychotherapie“, wie er sie bei dem umstrittenen Schweizer Psychiater Samuel Widmer kennengelernt hatte. Bis Ende der 1990er Jahre hatte Garri R. in verschiedenen Kliniken und als Landarzt in Hessen gearbeitet. Seit 2005 ist er niedergelassener Arzt in Berlin. Warum er den Pfad der Schulmedizin verließ, blieb offen. Er distanzierte sich auch nicht von der Methode. R. sprach aber von „großer Trauer und Schuld“. Er habe die Drogen „falsch eingeschätzt“. Es interessierte ihn nicht, dass Rauschgift in der Psychotherapie verboten ist. Seine Patienten – darunter Ehepaare, Erzieher, Angestellte – kamen mit Depressionen oder Beziehungsproblemen. Sie vertrauten ihm. Garri R. habe sie aber über die Gefahr seiner Therapie nicht umfassend aufgeklärt, steht für den Ankläger fest.

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben