Prozess um Ermyas M. : Voraussichtlich Freispruch für Angeklagte

Im Potsdamer Prozess um die lebensgefährliche Attacke auf den dunkelhäutigen Ermyas M. läuft alles auf Freisprüche für die beiden Angeklagten hinaus. Staatsanwaltschaft und Verteigung plädierten darauf.

Fall Ermyas
Ermyas M. spricht mit seinem Anwalt.Foto: dpa

PotsdamIm Potsdamer Prozess um die lebensgefährliche Attacke auf den dunkelhäutigen Ermyas M. läuft alles auf Freisprüche für die beiden Angeklagten hinaus. Die Staatsanwaltschaft forderte vor dem Landgericht, die 30 und 32 Jahre alten Männer vom Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung und unterlassenen Hilfeleistung freizusprechen. Auch der Anwalt des Opfers und die Verteidigung plädierten auf Freispruch.

Die Attacke vom Ostersonntag 2006 hatte bundesweit für Schlagzeilen gesorgt und kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft eine heftige Debatte über Ausländerfeindlichkeit in Deutschland ausgelöst. Die Bundesanwaltschaft ermittelte zeitweise wegen Mordversuchs aus Ausländerhass.

Ein politischer Prozess?

"Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass der Hauptbeschuldigte Björn L. an der Tat beteiligt war, letzte Zweifel sind aber nicht auszuschließen", sagte Staatsanwältin Juliane Heil. Auch der Anwalt des Opfers, das durch einen gezielten Faustschlag lebensgefährliche Verletzungen erlitt, sprach von einer "dürftigen Beweislage". Nach 19 Verhandlungstagen ist es damit höchst wahrscheinlich, dass die Beschuldigten, die stets die Vorwürfe bestritten, nicht belangt werden. Die 4. Große Strafkammer will am Freitag ihr Urteil verkünden.

Heil wehrte Spekulationen ab, es habe sich um einen "politischen Prozess gehandelt". Gegen die Angeklagten Björn L. und Thomas M. habe es "erheblich Belastendes" gegeben - im Laufe des Prozesses hätten sich die Indizien aber "aufgeweicht". Im Mittelpunkt der Beweisaufnahme stand der Mitschnitt eines Teils des Tatgeschehens auf der Handy-Mailbox der Ehefrau des Opfers. Zu hören ist ein Wortgefecht, bei dem Worte wie "Scheißnigger" fallen.

"Eindimensionales Ermittlungsverfahren"

Fall Ermyas
Die Anwälte der Angeklagten im Fall Ermyas.Foto: dpa

Heil musste einräumen, dass auch zwei Gutachten nicht die Stimme des Hauptbeschuldigten Björn L. darauf identifizieren konnten. Auch Belastendes aus den Aussagen einiger der etwa 80 Zeugen reiche nicht für eine lückenlose Indizienkette aus. Das Opfer konnte ebenfalls bei der Aufklärung nicht helfen - der Deutsch-Äthiopier erinnert sich "im Großen und Ganzen an gar nichts". Der Mitangeklagte Thomas M. - er soll dem Opfer nicht geholfen haben - ist laut Heil freizusprechen. So habe eine DNA-Gutachterin keinen Grad der Wahrscheinlichkeit nennen können, dass Spuren am Tatort wirklich von dem 32-Jährigen
stammen.

Für Nebenklage-Anwalt Thomas Zippel steht die Unschuld von Thomas M. außer Frage, bei Björn L. hegt er weiter Zweifel. Dessen Verteidiger Karsten Beckmann betonte dagegen: "Die Beweisaufnahme hat nichts, aber auch gar nichts Belastendes ergeben." Alle Verteidiger, die ebenfalls Freisprüche verlangten, kritisierten das "eindimensionale Ermittlungsverfahren". Schon nach kürzester Zeit sei klar gewesen, dass es sich nicht um einen rassistischen Überfall gehandelt habe. (mit dpa)

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