Prozess um Tod von Giuseppe Marcone : U-Bahn-Schläger streitet Hetzjagd ab

Im Prozess um Giuseppe Marcones Tod gibt der Hauptangeklagte nur eine „Mitschuld“ zu. Er bestreitet aber eine regelrechte Hatz auf das spätere Opfer Giuseppe Marcone.

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Vor Prozessbeginn fand eine Mahnwache für Giuseppe Marcone statt.
Vor Prozessbeginn fand eine Mahnwache für Giuseppe Marcone statt.Foto: dapd

Die Schläge im U-Bahnhof, die panische Flucht, der furchtbare Autounfall. Jede Sequenz gingen die Richter durch. Wer griff Giuseppe Marcone an? Wie schnell lief er weg? Wie dicht kam der Verfolger an ihn heran? Giuseppes Mutter Vaja und sein Bruder Velin ließen sich nicht anmerken, wie schwer ihnen diese Stunden im Gericht fielen. Sie sitzen seit Montag als Nebenkläger im Prozess um die Hetzjagd am Kaiserdamm. Sie blieben still und konzentriert, als der Hauptangeklagte Ali T. überraschend von „Mitschuld“ sprach.

Viele Kameras waren auf die Anklagebank gerichtet. Auf Ali T. warteten sie. Er ist der mutmaßliche U-Bahnschläger, der Giuseppe Marcone aus Sicht der Anklage in den Tod getrieben hat. Er muss sich wegen Körperverletzung mit Todesfolge verantworten. Er blickte zu Boden, als sein Verteidiger für ihn das Wort ergriff. Ali T. hatte sich in früheren Aussagen eher als Opfer dargestellt. Die anderen hätten zuerst zugeschlagen. Vor Gericht erklärte er: „Ich gebe mir eine Mitschuld, ich will mich der Verantwortung stellen.“

Trauer um Giuseppe M.
War es eine "Hetzjagd" oder nicht? Vor Gericht ging es dabei um den metergenauen Abstand zwischen Giuseppe Marcone und seinem Verfolger.Weitere Bilder anzeigen
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29.03.2012 11:27War es eine "Hetzjagd" oder nicht? Vor Gericht ging es dabei um den metergenauen Abstand zwischen Giuseppe Marcone und seinem...

Der frühe Morgen des 17. September 2011. Giuseppe Marcone und Student Raoul S., 23 und 22 Jahre, hatten sich mit früheren Mitschülern getroffen. Sie sprachen lange und tranken keinen Alkohol. Giuseppe Marcone hatte gerade seine Ausbildung zum Koch beendet. Am nächsten Tag wollte er mit seinem großen Freundeskreis seinen Abschied feiern. Sein Weg sollte ihn erst zu den Gebirgsjägern der Bundeswehr und anschließend an die Universität führen.

Auf dem U-Bahnhof Kaiserdamm aber kamen den späteren Opfern Ali T. und der mitangeklagte Baris B. entgegen. Zwei Freunde aus Neukölln, 21 und 22 Jahre alt, bislang in ihrem Leben eher ziellos. Die türkischstämmigen Männer sind ohne Beruf und waren damals ohne Job. In jener Nacht hatten sie Wodka getrunken. „Weil uns nichts Besseres einfiel“, sagte Ali T. Laut und großspurig hätten sie sich aufgeführt. „Wir benahmen uns wie alkoholisierte Idioten.“

Sie wollten sich am Kaiserdamm eigentlich mit einem Kumpel treffen. Dann aber sahen sie die ihnen fremden jungen Männer. Ali T. gab zu, dass sie provozierten. Er habe sich vor Giuseppe Marcone aufgebaut. Sie verlangten Zigaretten. Raoul S. aber sagte, dass er nur noch zwei Stück habe. „Dann verpisst euch von hier“, soll Ali T. gebrüllt haben. „Wir sahen die Gefahr und wollten weg“, beschrieb S. die Szene. Er und Giuseppe Marcone gingen Richtung Ausgang. Ali T. habe Giuseppe mit einem „Einzelkampf“ gedroht. „Giuseppe reagierte aber nicht.“

Dann jedoch kam Baris B. und holte zum Schlag aus. Den Schlagabtausch gaben die beiden Angeklagten nun zu. Zuerst hätten sie je einmal zugeschlagen, dann hätten sich ihre Opfer kurz gewehrt und seien dann weggelaufen. „Wir hatten den Kürzeren gezogen“, sagte T. Sein Kumpel B. habe vor Schmerz geschrien. Sie gaben zu, dass sie für die Prügelei verantwortlich waren.

T. gibt auch zu, Giuseppe Marcone hinterhergelaufen zu sein. Er bestreitet aber eine regelrechte Hatz. Nach seiner Version befanden sich im entscheidenden Moment fünf Fahrspuren zwischen ihm und Marcone. „Ich hatte den Fahrbahnrand erreicht, als es plötzlich knallte.“ Dem widersprach Raoul S.: „Ein bis zwei Meter waren sie voneinander entfernt auf dem Kaiserdamm.“

Als er in Angst um sein Leben floh, habe er sich umgedreht und das beobachtet. Er kehrte sofort um, als er den Unfall bemerkte. Giuseppe Marcone war vor ein Auto gelaufen. Raoul S. versuchte noch, seinen Freund wiederzubeleben. Er sah ihn sterben. Im Gerichtssaal gelang es den Angehörigen, Fassung zu wahren. „Wir geben uns gegenseitig Kraft“, sagte der Bruder.

Kein böses Wort, kein Ruf nach harten Strafen. „Giuseppe war ein toller Mensch, hat sich für andere starkgemacht.“ Aber quälende Fragen kreisten. In einer Pause sagte die Mutter: „Ich weiß nicht, warum das Schicksal nicht so gnädig war und meinem Giuseppe zwei Sekunden gegeben hat.“

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