Prozess um tödliches Wett-Trinken : 45 Tequila in 30 Minuten

Wirt Aytac G. saß mit dem 16-Jährigen an einem Tisch, ein Schnapsglas nach dem anderen wurde den beiden Wett-Trinkern von der weiblichen Bedienung serviert. Der Unterschied: Aytac G. bekam Wasser, der andere Tequila. Der Jugendliche starb. Jetzt stehen vier Helfershelfer des Charlottenburger Wirts vor Gericht.

Koma-Saufen
Tequila wurde dem 16-Jährigen zum Verhängnis -Foto: ddp

Eine Strichliste hat den 18-jährigen Mathias M. vor Gericht gebracht: Ab heute muss er sich vor der Jugendstrafkammer des Berliner Landgerichts wegen Beihilfe zur Körperverletzung mit Todesfolge verantworten. Mit ihm sitzen drei weitere Angeklagte im Alter von 17 bis 21 Jahren wegen Beihilfe zu gefährlicher Körperverletzung vor Gericht. Laut Anklage führte Mathias M. Buch über die Drinks, die der 16-jährige Lukas W. im vergangenen März im Charlottenburger Lokal „Eye T“ trank. Lukas W. fiel bei diesem Wetttrinken mit dem Kneipenwirt Aytac G., bei dem er mehr als 45 Gläser Tequila getrunken haben soll, ins Koma und starb vier Wochen später.

Der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen, und er ist symptomatisch: Insgesamt 663 zum Teil schwer alkoholisierte Kinder und Jugendliche griff die Berliner Polizei allein von April bis Dezember 2007 auf. Diese Zahl gab die Polizei gestern bekannt.

Wegen Lukas W. gibt es diese Statistik überhaupt erst: Nach dem Tod des Schülers intensivierte die Polizei ihre Kontrollen in Kneipen. Dabei nahmen die Streifen 908 Lokale unter die Lupe und beobachteten in 72 Fällen, dass Wirte und ihre Angestellten unerlaubt Alkohol an Kinder und Jugendliche ausschenkten. Insgesamt dokumentierten die Beamten 245 Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz.

Laut Oberarzt Jakob Hein, der in der Charité Suchtpatienten psychiatrisch betreut, greifen Minderjährige quer durch alle gesellschaftlichen Schichten verstärkt zur Flasche. „Die Jugendlichen konsumieren Alkohol heute gezielt als Droge“, sagt Hein. Sie trinken also mit dem Ziel, möglichst schnell zum Rausch zu gelangen. Deshalb häufe sich gerade das extreme Saufen bis zur Bewusstlosigkeit. Die Kampftrinker von heute seien zwar oft die Abhängigen von morgen. „Aber sie werden als Helden gefeiert“, sagt Hein. Deshalb hätten sie oft auch keinen Anlass, Beratungsstellen aufzusuchen.

Was übermäßiger Alkoholkonsum auslösen kann, zeigte jetzt wieder ein tödlicher Unfall auf der Grünen Woche. Am Sonntagabend stürzte ein 22-jähriger Messebesucher von einem Treppengeländer und verletzte sich schwer am Kopf. Am folgenden Nachmittag erlag er im Krankenhaus seinen Verletzungen. Der Mann war laut Polizei stark alkoholisiert. Dieser junge Mann war zwar volljährig. Aber auch von bis zur Bewusstlosigkeit betrunkenen Jugendlichen gab es jüngst zu berichten: In der Nacht zum Sonntag lag ein 15-Jähriger regungslos auf einem Gehweg in Steglitz. Und ein Spaziergänger entdeckte einen 14-Jährigen, der auf einer Parkbank am Oranienburger Platz lag. Er hatte 2,9 Promille Alkohol im Blut.

Dem Jugendlichen Lukas W., der bei dem Wetttrinken im vergangenen März ums Leben kam, scheint nach Lage der Dinge vom Wirt, Aytac G., übel mitgespielt worden zu sein. Die jetzt angeklagten Helfershelfer sollen dem Haupttäter nach Absprache zunächst Wasser serviert haben, während sie Lukas W. einen Schnaps nach dem anderen einflößten.

Einen Termin für die Verhandlung gegen den Charlottenburger Gastronomen gibt es laut Justizsprecher Michael Grunwald bislang nicht. Seit Juli sitzt der Verdächtige in Untersuchungshaft – wegen Fluchtgefahr, wie Grunwald bestätigte. Der Wirt soll häufiger Jugendliche zum Trinken verführt haben. Deshalb machte das Wirtschaftsamt des Bezirks die Gaststätte im vergangenen April wegen „fortwährend grober Verstöße gegen den Jugendschutz“ dicht. wek

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