Polizei & Justiz : Prozess um Überfall auf eine Schulparty

Fünf Jugendliche stehen ab morgen vor Gericht Sie hatten in Lichtenrade einen Polizisten attackiert

Jörn Hasselmann

Bei Abiturreden wird Schülern gedankt für eifriges Lernen, gutes Benehmen oder soziales Engagement. An der Lichtenrader Georg-Büchner-Oberschule lobte Direktor Günter Koschmieder vor wenigen Wochen seine Absolventen so: „Sie haben sich für einen anderen Menschen in größter Not eingesetzt und ihm geholfen, ihn gerettet vor brutalen, durchgedrehten Schlägern, die meiner Einschätzung nach unser Mitgefühl wegen ihrer verkorksten Sozialisation oder ihren dünnen Perspektiven nicht verdienen.“

Diese Schläger stehen ab dem morgigen Dienstag vor Gericht, einer von ihnen, Yahya Y., wegen versuchten Totschlags. Die vier anderen – Eylem, Eren, Ahmet und Avni – wegen gefährlicher Körperverletzung. Der jüngste der Angeklagten ist 15 Jahre alt, der älteste 18, deshalb wird voraussichtlich hinter geschlossenen Türen verhandelt. Vier von ihnen sitzen seit Januar in Untersuchungshaft. Sie waren Stunden nach der Attacke nahe der Schule festgenommen worden.

Die Staatsanwaltschaft wirft den Jugendlichen vor, dass sie sich am Abend des 19. Januar gewaltsam Zutritt zu einem Fest in der Georg-Büchner-Oberschule verschaffen wollten. Als sich ein als Elternvertreter anwesender Kriminalhauptkommissar als Polizist zu erkennen gab, brach eine Orgie der Gewalt über ihn hinein. Mit Fäusten, Gürteln und einer Eisenstange traktierten ihn die Jugendlichen. Als der Kriminalbeamte bereits blutend am Boden lag, soll Yahya Y. an den 42-Jährigen herangetreten sein mit den Worten: „Ich schlag dich tot!“ Dann versuchte er laut Anklage, dem Opfer mit einer zwei Meter langen Eisenstange auf den Kopf zu schlagen. Michael M. reagierte glücklicherweise schnell, zog sein Reizstoffsprühgerät und konnte so den Hieb abwehren. Y. soll, so die Staatsanwaltschaft, „eine todbringende Verletzung billigend in Kauf genommen“ haben. Schüler der Abiturklasse, die als Ordner eingeteilt waren, zogen wenig später den benommenen, blutenden Beamten in die Schule und verriegelten die Tür. Die schulfremden Angreifer flüchteten. Denn neben dem Opfer, das gerade seinen Sohn von der Schulparty abholen wollte, hatten zwei Zivilpolizisten bei dem Fest nach dem Rechten gesehen – auf Wunsch von Direktor Koschmieder. Er hatte für die Party ein striktes Hausverbot für die Schüler von den zwei benachbarten Schulen erlassen, weil es wiederholt zu Auseinandersetzungen gekommen war.

Am Tag nach der Attacke war der Schulleiter in die Kritik geraten, weil er ausdrücklich darauf hingewiesen hatte, dass „alle Täter Türken und Araber“ waren. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) zeigte sich „zutiefst zufrieden“, als gegen vier der Jugendlichen Haftbefehle erlassen wurden. Ausländischstämmigen Jugendlichen müsse man auch „ausländerrechtliche Konsequenzen“ deutlich machen, so Körting damals. Doch die Schläger, die ab morgen vor Gericht stehen, haben alle einen deutschen Pass. Nur einer von ihnen, Eren K., war zuvor wegen Körperverletzungen und Landfriedensbruch aufgefallen, die anderen nicht oder wegen kleinerer Delikte.

Michael M. wird im Gerichtssaal wieder auf seine Peiniger treffen. Wochenlang hatte er im Krankenhaus gelegen. Erst seit Juli ist der Polizist wieder im Dienst, zunächst mit halbierter Stundenzahl. Seine Sehkraft soll noch immer beeinträchtigt sein. „Hätten Sie nicht so beherzt eingegriffen, wäre das Opfer vielleicht tot“, hatte Koschmieder in seiner Abiturrede gesagt. Jörn Hasselmann

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