Prozess : „Was hindert mich ein Gitter an meinem Spaß?“

Der Prozess gegen den Amokfahrer von der WM-Fanmeile hat begonnen. Der 34-Jährige gilt als psychisch krank.

Kerstin Gehrke

BerlinDer Schock war groß, als ein silbernes Fahrzeug vergangenes Jahr plötzlich in die WM-Fanmeile raste. Schreie, Panik, Verletzte. „Als ich zu mir kam, lag ich auf dem Boden und sah Polizisten mit gezogener Waffe um den Wagen herum“, sagte Angelika G. gestern beim Prozessauftakt. Als sich der Amokfahrer Rahmat S. im Gericht erhob und entschuldigte, zuckte sie mit der Schulter. „Für mich ist es nicht entschuldbar“, sagte sie später.

Der 34-jährige S. muss sich nach seiner Autofahrt mit dem dramatischen Zwischenfall während der Fußball-Weltmeisterschaft wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Mehr als 20 Menschen wurden leicht verletzt, als er in die Fanmeile am Brandenburger Tor raste. Aus Sicht der Anklage ist S. psychisch krank. Die Staatsanwaltschaft strebt eine dauerhafte Unterbringung in der Psychiatrie an. Auch die Verteidigerin geht davon aus, dass S. zur Tatzeit aufgrund einer Psychose nicht schuldfähig war. Inzwischen nehme er Medikamente. Die Verteidigerin will erreichen, dass S. auf Bewährung und unter Auflagen aus der Psychiatrie entlassen wird.

Rahmat S. war am 2. Juli 2006 bei seinen Eltern in Reinickendorf. Er wollte mit seiner Mutter zum Botanischen Garten in Steglitz und durfte Vaters VW Polo nehmen. Er habe schon im Hausflur seltsame Dinge wahrgenommen, sagte der Beschuldigte und nannte „brillante Farben“. Es sei ihm sehr gut gegangen. „Ich war in Hochstimmung, ich wollte das Fahrgefühl genießen.“ Unterwegs habe er die Orientierung verloren. Dann sei da eine Absperrung gewesen. „Was hindert mich die Absperrung an meinem Spaß“, habe er gedacht und Gas gegeben.

Viele Fußball-Fans waren unterwegs und feierten, als er gegen 15.30 Uhr in die Ebertstraße in Mitte einbog und eine erste Absperrung durchbrach. Mit Tempo 40 fuhr er in die Menge. Er habe die Menschen „gar nicht wahrgenommen, nicht registriert“, nur dass sie irgendwie „wegspritzten“. Einen Schlenker habe er noch gemacht. „Dann hatte ich einen Tunnelblick.“ Er kollidierte mit Gittern, Fahrräder flogen durch Luft. Erst vor der Haupttribüne am Brandenburger Tor wurde das Auto von einem Betonklotz gestoppt. Bereits kurz nach seiner Festnahme kam der Deutsch-Inder, der nach abgebrochenem Wirtschaftsstudium bei einem Pflegedienst arbeitete, in die Psychiatrie. „Es tut mir alles so leid“, versicherte er mehrfach. Einen solchen Zustand wie bei jener Fahrt habe er zuvor nie erlebt.

Das jüngste Opfer war acht Jahre alt, das älteste eine 87-jährige Rentnerin. Fast alle erlitten glücklicherweise nur leichte Blessuren. Der damals elfjährige Steffen allerdings lag mit einer Gehirnerschütterung mehrere Tage im Krankenhaus. „Ich bin umgefallen, war kurz bewusstlos, dann tat es weh“, sagte der junge Zeuge. Mit einem Schrecken kam eine damals schwangere Flugbegleiterin davon, die auf den Bauch gefallen war. „Dem Kind ist zum Glück nichts passiert“, sagte die 29-Jährige. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

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