Psychologe Harald Hielscher : "Traumatische Bilder in den Tresor sperren"

Wie Polizeibeamte nach akuter Lebensgefahr und tödlichen Schüssen psychologisch klarkommen

Interview von Werner Kurzlechner

Bei einem Einsatz am Bahnhof Zoo am Donnerstagnachmittag ist ein Polizist von einem Unbekannten mit seiner Waffe bedroht worden, sein Kollege erschoss den Täter. Was meinen Sie, welchem Beamten es jetzt schlechter geht?



Das hängt von der Psyche der jeweiligen Polizisten ab. Aber ich fürchte, dass die akute Lebensgefahr schwerer zu verarbeiten ist. Die Schuld, jemanden getötet zu haben, wird immerhin durch das Gefühl kompensiert, womöglich einem Kollegen das Leben gerettet zu haben.

Welche Soforthilfe benötigen Polizisten in ihrer jetzigen Situation?

Früher dachte man, die Betroffenen müssten sich möglichst sofort nach dem Trauma erst einmal richtig aussprechen, sich selbst mit dem Ereignis konfrontieren. Das hat sich als Irrweg erwiesen. Die Patienten brauchen zunächst Urlaub vom Alltag. Am besten legen sie die Beine hoch und lassen sich von der Familie umsorgen.

Professionelle Hilfe ist also gar nicht nötig?

Doch schon. Meistens kommt es zu Angststörungen oder Depressionen, die sich ambulant oder stationär gut behandeln lassen. Ungefähr ein Drittel der Opfer von Gewaltangriffen erleidet allerdings eine posttraumatische Belastungsstörung, die sich erst nach Wochen oder Monaten zeigt. Dann ist eine erneute Behandlung unumgänglich.

Was geschieht dann?

Den Patienten schießen immer wieder die gleichen Bilder durch den Kopf – etwa der Lauf der auf sie gerichteten Waffe. Wir trainieren dann mit ihnen die Tresor-Technik: Die Patienten lernen, den Film in ihrem Kopf wie eine DVD aus dem Videogerät zu nehmen und in einen imaginären Safe zu sperren. Nach einiger Zeit gelingt das auch, wenn sie morgens um vier Uhr schweißgebadet aufwachen.

Wann sind Polizisten nach einer solchen Situation wieder arbeitsfähig?

Nach etwa einem halben Jahr. Etwa drei Monate würde ich für die Behandlung in der Klinik oder Ambulanz veranschlagen, einen guten Monat für die Regeneration zu Hause. Dann kann in der Regel die schrittweise Wiedereingliederung beginnen: mit gedrosseltem Arbeitspensum und erst einmal Innendienst statt Streife.

Gibt es Einzelfälle, die danach im Leben überhaupt nicht mehr zurechtkommen?

Bei einem einmaligen Schockerlebnis nicht. Bei Folter oder langer Haft kommt das durchaus vor.

Harald Hielscher leitet die Ambulanz der auf  Psychosomatik spezialisierten Oberbergkliniken in Mitte. Jeder siebte Patient ist Polizist.

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