RAF : Ex-Terroristin vor Gericht

Militant links: Inge Viett ist angeklagt, beim Bundeswehrgelöbnis Gefangene befreit zu haben. Die ehemalige RAF-Terroristin war in den vergangenen Jahren immer wieder bei autonomen Demonstrationen gesehen worden.

Die Ex-RAF-Terroristin Inge Viett saß entspannt vor der Richterin und schien bester Laune. Sie zog ein mehrseitiges Pamphlet aus der Tasche. Die 65-jährige Angeklagte, die im linksextremen Spektrum als eine Art Ikone gilt, las Zeile für Zeile gut betont vor. Sie zielte gegen Militär und Regierung, bezeichnete Veranstaltungen wie das öffentliche Bundeswehr-Gelöbnis als „Ausdruck von Großmannspolitik“ und freute sich über den Applaus ihrer Freunde, die auf den Zuhörerbänken saßen. Zu ihrer mutmaßlichen Tat aber kein Wort.

Inge Viett, 1992 wegen versuchter Tötung eines Polizisten zu 13 Jahren Haft verurteilt, muss sich seit gestern wegen versuchter Gefangenenbefreiung und Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte vor dem Amtsgericht Tiergarten verantworten. Hintergrund ist eine Protestaktion gegen das Gelöbnis von Bundeswehrrekruten vor dem Reichstag am 20. Juli 2008. Gegner wollten vom Platz der Republik aus mit Sirenengeheul aus Lautsprechern die Zeremonie stören. Nachdem die Beamten die Veranstalter mehrmals erfolglos aufgefordert hatten, dies zu unterlassen, schnitt die Polizei Kabel durch. Da wurde es turbulent.

„Mir wurde ins Gesicht geschlagen“, sagte gestern ein 37-jähriger Polizist. Ein junger Mann sollte daraufhin wegen des Verdachts des Landfriedensbruchs vorläufig festgenommen werden. „Zwei Damen versuchten, das zu unterbinden.“ In der Anklage heißt es, Inge Viett und eine gesondert Verfolgte hätten „an dessen Kleidung im Bereich der Schultern und Oberarme festgehalten und an ihm gezogen“. Als Viett etwa zehn Minuten später zur Feststellung ihrer Personalien zum Einsatzfahrzeug gebracht werden sollte, habe sie sich „mit ihren Füßen gegen die Laufrichtung gestemmt“.

Ob Viett bei der Festnahmeszene ihre Hände im Spiel hatte, ließ sich auch durch ein Video nicht klären. „Mehrere Personen zogen an dem Mann“, sagte einer der fünf Zeugen. Zur „genaueren Tatbeteiligung“ könne er nichts sagen. „Die Damen standen, als sie an dem Festgenommenen zogen“, erklärte ein anderer. Inge Viett lächelte nur. Das Verfahren gegen eine 59-Jährige, die gemeinsam mit ihr gezogen haben soll, wurde gegen 600 Euro Buße eingestellt. Im Falle der Ex-Terroristin muss es ein Urteil geben, weil sie vorbestraft ist. Am 22. Oktober werden weitere Zeugen gehört.

Inge Viett, inzwischen Rentnerin, war in den vergangenen Jahren immer wieder bei autonomen Demonstrationen gesehen worden – einmal am 1. Mai bei der „Revolutionären Demonstration“ vorne im Schwarzen Block. Ein Hinweis auf ihre ungebrochene linksextremistische Haltung. In den Siebzigern hatte sich Viett der „Bewegung 2. Juni“ angeschlossen. Die Terror-Gruppe entführte 1975 den damaligen Berliner CDU-Chef Peter Lorenz. 1980 wechselte Viett zur RAF, zwei Jahre später setzte sie sich in die DDR ab. K. G.

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