Rassismus im Nahverkehr : Rechte Pöbelei: S-Bahn stellt sich vor Fahrer

Nach einer rechtsextremen Pöbelei gegenüber Schülern in der S-Bahn gehen die Aussagen von Zugführer und Lehrer auseinander. Die S-Bahn glaubt dem Fahrer, der nichts von der Auseinandersetzung gemerkt haben will.

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Berliner S-Bahn: Der Mann, der die Schüler rassistisch beschimpfte, entkam unerkannt.
Berliner S-Bahn: Der Mann, der die Schüler rassistisch beschimpfte, entkam unerkannt.Foto: dapd

Noch immer ist unklar, warum am Montag ein S-Bahn-Fahrer, der um Hilfe gebeten wurde, nachdem Schüler in seinem Zug rassistisch beleidigt worden waren, nur auf die Bahnaufsicht verwies und dann weiterfuhr. Dadurch konnte der Mann, der die Jungen und Mädchen auf übelste Weise anpöbelte, unerkannt entkommen. Wie berichtet hatte am Rosenmontag ein Fahrgast die Fünftklässler der Kreuzberger E.-O.-Plauen-Grundschule mit Parolen wie „Türkenpack ab nach Auschwitz“ und „sollte man vergasen“ laut beschimpft. Keiner der anderen Fahrgäste griff ein.

Die Schüler und ihre Lehrer waren unterwegs in der S 5 vom Ostbahnhof zum Alexanderplatz. Dort stiegen sie aus, einer der Lehrer informierte den Zugführer. Inzwischen hat die S-Bahn zwar den Fahrer befragen können. Dieser könne sich aber „auch auf ausdrückliche Nachfrage nicht daran erinnern, dass der Fahrgast ihn über die rassistischen Inhalte der Auseinandersetzung informierte“, hieß es am Freitag. Das kann einer der Pädagogen nicht verstehen: Man habe deutlich gemacht, derart beschimpft worden zu sein.

Vier Tage dauerte es, bis der Fahrer befragt werden konnte, er war erst am Freitag wieder im Dienst. Er gab an, dass ein Fahrgast an die Führerstandstür geklopft von massiven Beleidigungen berichtet habe. Er habe nachgefragt, ob es gewalttätige Auseinandersetzungen oder Verletzte gegeben habe. Als dieses verneint wurde, „verwies er den Kunden an die Aufsicht und setzte die Fahrt fort“, hieß es weiter. Der Fahrgast habe nicht den Eindruck erweckt, dringend polizeiliche Hilfe zu benötigen. Auch sei der Zug schon abfahrbereit gewesen. „Seitens der S-Bahn Berlin besteht kein Grund, an der Wahrhaftigkeit dieser Aussage zu zweifeln. Wir müssen daher davon ausgehen, dass sich der Mitarbeiter korrekt verhalten hat“, erklärte die S-Bahn. Unklar bleibt, warum der Fahrer nicht wenigstens die Leitstelle informierte. Gleichzeitig äußerte die S-Bahn ihr „außerordentliches“ Bedauern über den Vorfall. Sie verwies darauf, dass der Umgang mit rechtsextremen Verhalten von Fahrgästen zuletzt in einer umfassenden Schulung für Triebwagenführer behandelt worden sei.

Wenn die Berichte der Betroffenen zutreffen, gehen die Diffamierungen juristisch über Beleidigungen hinaus und erfüllen den Straftatbestand der Volksverhetzung, der mit einer Haftstrafe bis zu fünf Jahren geahndet werden kann. Die Schule, an der rund 90 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben, unternimmt inzwischen einiges, um den Vorfall gemeinsam mit den Kindern aufzuarbeiten. Am Donnerstag war die Klasse zu Gast bei der Beratungsstelle „Reachout“, die sich um Opfer rassistischer, antisemitischer und rechter Gewalt kümmert.

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