Rassismus : Nervöses Durcheinander

Nach dem rassistischen Übergriff auf zwei Iraner am U-Bahnhof Rehberge vor fast einem halben Jahr sind die Opfer noch immer traumatisiert: Sie leiden an Schlafstörungen, nachts meiden Sie die U-Bahn. Die Verhandlung vor dem Landgericht erweist sich auch deshalb als schwierig.

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BerlinBerlin - Der schmächtige Iraner redet leise, trotz seiner Deutschkenntnisse lässt er lieber einen Dolmetscher übersetzen. „Ich habe Alpträume, ich bin niedergeschlagen“, sagt der 61 Jahre alte P. vor der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts, „ich weiß nicht, wie es weiterlaufen kann“. Er werde von einem Psychiater behandelt und habe bis vor kurzem Antidepressiva genommen. Schlafen könne er schlecht, „manchmal laufe ich bis früh am Morgen hin und her“. Und er habe Angst, nachts mit der U-Bahn zu fahren, „nach 23 Uhr mache ich das nicht mehr“. Der ehemalige Lehrer wirkt stark traumatisiert.

Der rassistische Angriff auf dem U-Bahnhof Rehberge, dem P. und ein weiterer Iraner fast auf den Tag genau vor einem halben Jahr ausgesetzt waren, ist noch lange nicht verarbeitet. Nun muss P. auch den Stress verkraften, im Angesicht der drei Täter zu schildern, was ihm damals passierte. Die erste Befragung brachen die Richter am Dienstag ab, der nervöse Iraner war kaum zu verstehen. Am Donnerstag klappt es dann mit der Aussage, wenn auch schleppend.

Ein Mann habe Cola verspritzt und „scheiß Ausländer“ gesagt, berichtet P. Er habe beschwichtigen wollen, aber Schläge auf Kopf und Brust erhalten, „darauf habe ich nichts mehr mitbekommen“. Nach kurzer Zeit habe sein Begleiter K. ihn hochgehoben. Doch P. war weiter schwindelig. Er saß dann in der U-Bahn, sah, dass K. im Gesicht blutete und bekam selbst noch einen Schlag auf den Kopf.

Die Angeklagten Sven B. (30), Ines B. (24) und Benjamin E. (26) blicken fatalistisch und entschuldigen sich. Der Iraner sagt halblaut „danke schön“. Es folgt das zweite Opfer. Der 56-jährige Wissenschaftler K. redet aufgeregt viel und wortreich, manche Details geraten ihm durcheinander. Aber er erinnert sich genau an seine extreme Angst in der Nacht zum 19. September. Bei einem der Täter „mit unheimlichem Zorn“ hatte K. den Eindruck, „er wollte töten“.

Der Iraner belastet vor allem Ines B., die ihn als „scheiß Kanake“ beschimpft habe. Die Frau habe ihm mindestens sechsmal gegen das Schienbein getreten und gegen die Brust geschlagen. Der Angriff von Ines B. „war ganz heftig“, sagt K., „man hat Angst um das eigene Leben“. Die Angeklagte äußert dann auch wie Sven B. und Benjamin E., es tue ihr leid. Und wie P. bedankt sich auch K. Obwohl er bei dem Überfall einen mehrfachen Schulterbruch erlitt und heute noch regelmäßig einen Psychiater aufsuchen muss. Frank Jansen

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