Reinickendorf : Wachmann erstochen - Täter ist hoch verschuldet

Der 22-Jährige, der am Freitag einen Supermarkt überfallen und dabei einen 20 Jahre alten Wachmann getötet hat, kann sich nicht an die Tat erinnern. Die Polizei beobachtet seit längerem, dass Supermärkte das Ziel von Räubern geworden sind.

Tanja Buntrock
Reichelt Wachmann
Ali U., Bruder von Ugur U., vor der Reichelt-Filiale, wo viele Menschen Blumen niedergelegt haben. -Foto: ddp

Nach dem tödlichen Überfall auf einen Supermarkt in Konradshöhe am Freitagabend hat der mutmaßliche Räuber das Motiv für seine Tat genannt: Offenbar waren es Schulden bei der Bank, die ihn auf den Plan brachten, den Reichelt-Markt zu überfallen. Dabei wurden ein 20-jähriger Wachmann erstochen und ein 45-jähriger Filialleiter schwer verletzt. Auch der 22-jährige Tatverdächtige erlitt Verletzungen. „Noch in der Klinik wurde der Mann vernommen. Er gestand den Raub. Doch an die Verletzungen, die zum Tode des Wachmanns führten, könne er sich nicht erinnern“, sagte eine Justizsprecherin. Gegen ihn hatte ein Richter am Samstagabend Haftbefehl erlassen.

Noch unklar sei, ob der Tatverdächtige, der aus Friedrichshain kommt, den Supermarkt im ruhigen und bürgerlichen Reinickendorfer Ortsteil Konradshöhe gezielt ausgesucht hatte. „Das ist noch Gegenstand der Ermittlungen“. Der Täter war, wie berichtet, am Freitag kurz nach Ladenschluss um 22 Uhr bewaffnet mit einer Schreckschusspistole und einem Messer in den Laden eingedrungen. Er bedrohte den Kassierer, den Filialleiter und den Sicherheitsbediensteten Ugur U. Offenbar hatte der Wachmann versucht, den Täter zu überwältigen. In dem Handgemenge soll es dann zu den tödlichen Stichen in den Hals gekommen sein. Ugur U., der im Nebenjob als Wachmann für die Security-Firma „Adamski“ arbeitete, starb noch am Tatort. Wie sein Bruder Ali erzählte, habe Ugur die Berufsschule besucht, um Frisör zu werden.

Der 20-jährige Sicherheitsbedienstete war bei seinem Einsatz vor dem Reichelt-Markt am Falkenplatz nach Erkenntnissen der Polizei unbewaffnet. Offenbar hat er dennoch versucht, den Räuber zu überwältigen. „Die Wachmänner haben lediglich eine Aufsichtsfunktion. Gibt es einen Vorfall, so ist es ihre Aufgabe, die Polizei zu rufen“, sagte ein Kenner der Wachschutzszene. Häufig würden diese Jobs von Schülern ab 18 Jahren oder Studenten getätigt – als Aushilfen. „In der Regel werden sie nicht gezielt geschult in Deeskalationstrainings. Ihnen wird allenfalls gesagt, sie sollen Streit schlichten, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen“, erklärt der Wachschutz-Experte. Auch Ugur U. war nur Aushilfskraft. Von der Firma Adamski, bei der er nach Angaben des Reichelt-Sprechers angestellt war, gibt keine Auskünfte zu diesem Vorfall.

Der Wachschutz-Experte weist darauf hin, dass es seit einigen Jahren die Ausbildung zur „Fachkraft für Schutz und Sicherheit“ gibt. Dies sei ein Lehrberuf, für den die Auszubildenden auch die Berufsschule besuchen. Zudem wird an der Fachhochschule der Studiengang „Sicherheitsmanagement“ angeboten. „Diese Auszubildenden werden viel qualifizierter und umfassender geschult“, sagt er.

Die Polizei beobachtet seit längerem, dass vor allem Supermärkte das Ziel von Räubern geworden sind. „Es hat eine Verlagerung stattgefunden“, sagt ein Ermittler. Die Täter suchten sich immer das Objekt aus, wo sie am schnellsten an Bargeld kommen. Bei Banküberfällen und Raubtaten auf Geldtransporter sei dies wegen des ausgefeilten Sicherheitssystems unattraktiv geworden. Auch Drogeriemärkte hätten – wie beispielsweise Schlecker – ihr Sicherheitssystem verstärkt. „Fast täglich haben wir einen Supermarkt-Raub“, hieß es. So auch am Samstagabend in Wilmersdorf: Dort überfielen vier Täter in der Heilbronner Straße einen Plus-Markt. Sie griffen einen Mitarbeiter mit einem Schlagstock an, bedrohten seine Kollegen mit einer Pistole und flüchteten anschließend mit der Beute in einem Auto. Obwohl sie kurz danach in einen Unfall verwickelt wurden, gelang ihnen die Flucht zu Fuß. Ob die späten Ladenschlusszeiten dazu beitragen, dass vermehrt Überfälle auf Märkte begangen werden, kann die Polizei nicht bestätigen. „Die Täter kommen meist zum Ladenschluss, weil dann das meiste Bargeld zu erwarten ist. Dabei ist egal, ob das Geschäft um 18 oder um 22 Uhr schließt“, hieß es. Inwieweit nun die Supermarkt-Ketten von der Kripo angehalten werden, ihr Sicherheitssystem zu verbessern, wollte die Polizei nicht kommentieren. „Es gibt in dieser Sache Gespräche“, sagte ein Beamter.

Indes sammeln die Kirchengemeinden Konradshöhe sowie die Nachbargemeinden Hermsdorf und Heiligensee Geld für die Familie des Opfers. Die Hermsdorfer Pfarrerin Sylvia von Kekulé nahm den Tod des jungen Wachmanns in ihrer Predigt auf. „Ich wollte zeigen, dass es nicht nur Gewalt gibt in diesem Leben, sondern auch Mitgefühl.“Tanja Buntrock

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