Rigo und Yunus : Schule der Solidarität

Zwei Abiturienten sitzen seit den Krawallen vom 1. Mai in U-Haft. Ihre Mitschüler glauben an die Unschuld.

Daniel Stender

An diesem Montagabend wirkt die Rudolf-Steiner-Schule in Zehlendorf wie ein besetztes Haus: Auf der Bühne der Waldorfschule werden zornige Protestlieder gesungen und auf Transparenten, T-Shirts und Flugblättern fordern die Schüler „Freiheit für Rigo und Yunus“. Seit mehr als sieben Monaten sitzen die Waldorfschüler Rigo B. (17) und sein Freund Yunus K. (20) nun in Untersuchungshaft – sie sollen laut Anklage am 1. Mai in Kreuzberg einen Molotowcocktail auf Polizisten geworfen haben. Der Brandsatz setzte eine unbeteiligte Passantin in Brand, die bis heute unter handtellergroßen Verletzungen am Rücken leidet.

Die Mitschüler sind von ihrer Unschuld überzeugt, auch Eltern und Lehrer zeigen sich solidarisch. „Es fällt zunehmend schwer, den Schülern dieses Gerichtsverfahren als fair zu erklären“, sagt Cornelia Bergengrün, die Sozialkunde und Deutsch unterrichtet und den Abend mit organisiert hat. Sieben Monate U-Haft und widersprüchliche Zeugenaussagen haben die Schüler, aber auch die Eltern politisiert. „Ich konnte es einfach nicht ertragen, nichts zu tun“, erklärt Renate Wegener, die Mutter einer Mitschülerin von Yunus. Sie betreibt daher die Internetseite, auf der sich der Protest vernetzt: 50 000 Besucher hatte die Seite letzten Monat, die Unterstützergruppe auf Facebook hat 768 Mitglieder, Jusos und junge Linke haben sich solidarisch erklärt. „Bei Verhandlungen ist der Saal voll, auch vor der Tür warten noch Leute“, sagt Wegener.

Am 1. September wurde der Prozess vorm Landgericht eröffnet – wegen versuchten Mordes sowie schwerer Körperverletzung. „Ich kenne Rigo. So eine Tat passt nicht zu seinem Charakter“, sagt Sozialkundelehrerin Bergengrün. Auch Verteidigerin Christina Clemm glaubt an die Unschuld der Schüler, die Anklage sei eine Verwechslung. Während Polizisten Rigo B. und Yunus K. als die Randalierer identifiziert hatten, sagten andere Zeugen aus, dass der Brandsatz aus einer Gruppe von vier jungen Männern in Hiphop-Kleidung geworfen worden sei. Ein Foto zeigt nach Angaben der Anwältin, dass eine Person aus dieser Gruppe wie Rigo B. am 1. Mai gekleidet gewesen sei: Mit schwarzer Baseballkappe und weißem T-Shirt. Was eine Verwechslung erklären könnte.

Bei einer Hausdurchsuchung der Hiphopper seien Benzinkanister und Einfüllstutzen gefunden worden. „Diese Gegenstände wurden aber nur fotografiert, nicht konfisziert“, sagt Clemm. Bei einer späteren Durchsuchung seien die Kanister nicht mehr da gewesen, auch sei die Festplatte des Computers mittlerweile gelöscht worden. „Das ist eine Umkehrung der Beweislast, die wir in diesem Prozess erbringen müssen. Der Grundsatz ,Im Zweifel für den Angeklagten’ gilt hier scheinbar nicht“, sagt die Anwältin.

Zu der Veranstaltung in der Rudolf-Steiner-Schule kamen auch Rigos Mutter und Yunus Vater. Für Ingo K. ist das Leben seit der Verhaftung seines Sohnes auf den Kopf gestellt, der Freiberufler arbeitet nun meistens am Wochenende, um keine Prozesstag zu versäumen. Vor einigen Wochen hat Yunus K. in der Haftanstalt Plötzensee sein Abitur gemacht, die Lehrer kamen eigens zum Unterricht ins Gefängnis.

Anfang Dezember hatten die Eltern das Gericht um Haftverschonung gebeten – fürs Weihnachtsfest. Gestern haben sich auch Superintendent Bertold Höcker und mehrere Pfarrer mit einem Brief an Justizsenatorin Gisela von der Aue für eine Haftaussetzung über die Feiertage eingesetzt. „Wir wollen bewusst nicht zu den Vorwürfen Stellung nehmen oder den Prozess durch unseren Brief gar beeinflussen“, sagte Superintendent Bertold Höcker, „Uns geht es um einen Akt der Barmherzigkeit.“

Der nächste Prozesstag findet am 16. Dezember statt, am 19. Dezember wollen die Unterstützer vor dem Roten Rathaus demonstrieren. Daniel Stender

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