RÜCKSICHTSLOSE AUTOFAHRER Warum es auf Berlins Straßen immer gefährlicher wird : Immer mehr Autofahrer sehen Rot – und geben Gas

Polizei registrierte bei einer Kontrolle allein in zwei Stunden 26 Ampelsünder Verkehrspsychologe fordert Pflichtuntersuchungen für Wiederholungstäter

Tanja Buntrock

Immer schneller, immer aggressiver – Hauptsache, es geht voran, selbst, wenn die Ampel schon lange Rot zeigt. Den „Trend zur Rücksichtslosigkeit“, wie es Berlins oberster Verkehrspolizist Wolfgang Klang schon vor Monaten formulierte, ist für viele Verkehrsteilnehmer immer wieder deutlich zu spüren. Erst am vorigen Wochenende meldete die Polizei das Ergebnis einer kurzzeitigen Verkehrskontrolle: Binnen zwei Stunden – von 15 bis 17 Uhr – zählten die Beamten am Sonnabend in Charlottenburg an den Ampeln der Heerstraße und der Reichsstraße 26 Autofahrer, die trotz Rotsignal weiterfuhren. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres wurden 12 570 Rotlicht-Verstöße gezählt, die Zahl der schweren Unfälle stieg auf 631 – 16 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Für viele Verkehrsteilnehmer ist es offenbar schon nicht mehr normal, an einer roten Ampel zu halten. So berichtet eine Leserin, dass sie mit ihrem Auto kürzlich bei Rot an einer Kreuzung am Mariendorfer Damm hielt, als plötzlich ein aufgebrachter Motorradfahrer sie anschrie: „Blöde Kuh, was hältst Du hier an?“ Ein anderer Verkehrsteilnehmer erzählt, dass er neulich bereits fünf Sekunden an einer roten Ampel an der Reichsstraße stand, als ein Autofahrer an ihm vorbeizog und über die Kreuzung fuhr.

„Die Norm-Akzeptanz ist bei vielen nicht mehr gegeben“, sagt der Verkehrspsychologe Edmund Wirzba. Seit Jahren arbeitet er in seiner Neuköllner Praxis mit notorischen Verkehrssündern. Die Gründe dafür, dass solche Regeln, wie „Rote Ampel gleich Fahrzeug anhalten“, nicht mehr eingehalten werden, seien verschiedene. Zum einen liege es am zunehmend hektischen Alltag. Statt gelassen zu bleiben und bei Rot zu halten, empfänden viele Kraftfahrer dies als „Bestrafung und Frustration“, sagt Wirzba. Das Anhalten werde als lästiger Zeitverlust erfahren. Bereits die Gelbphase werde „bis zum Schluss ausgereizt“, obwohl der Verkehrsteilnehmer doch hier schon die Geschwindigkeit verringern müsste.

Zudem höre der Psychologe insbesondere von jungen Autofahrern immer wieder das Argument „Warum soll ich mich an die Regeln halten? Das machen andere doch auch nicht.“ Insbesondere jüngeren Autofahrern fehle es an Vorbildern in der Gesellschaft. Ein weiterer Aspekt: Gerade Autofahren wird von vielen als „Spaß“ betrachtet. Regeln, wie die Pflicht, an einer roten Ampel anzuhalten, würden als eine Einschränkung wahrgenommen, „die den Spaß verdirbt“. Der Psychologe vermutet, dass höhre Bußgelder – wie Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sie vorschlägt – an diesem Verhalten nicht viel ändern. „Die Rotlichtsünder riskieren viel: Sie nehmen in Kauf, dass andere Menschen oder sie selbst dabei getötet werden. Warum sollten die sich von einem höheren Bußgeld abschrecken lassen?“

Wirzba spricht sich dafür aus, dass eine verkehrspsychologische Beratung bei Wiederholtungstätern zur Pflicht wird. Bislang bekommt ein Kraftfahrer, der mehr als 13 Punkte in der Verkehrssünderkartei hat, einen Brief, in dem ihm geraten wird, einen Verkehrspsychologen aufzusuchen – auf freiwilliger Basis.

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