Schutzgeld : Die Rechnung ohne die Wirte gemacht

Nach den Erpressungen italienischer Gastronomen: Experten bezweifeln, dass die Mafia dahinter steckt.

Jörn Hasselmann
Pizzabäcker
Klassische Methode. In Berlin sollten Gastwirte nach Mafiaart erpresst werden. -Foto: laif

Hat die Mafia nun Berlin erreicht oder nicht? Experten sind skeptisch, ob die drei Männer, die Silvester wegen der Schutzgelderpressungen bei mindestens 40 Gastwirten festgenommen wurden, zu dem italienischen Geheimbund gehören. Vieles spreche dagegen, dass Domenico S. (28, geboren in Rom) und Sleiman A. (28, aus Palästina) zur Mafia gehören. Beide sitzen, wie gestern berichtet, in Haft. Der dritte Tatverdächtige, Luigi S. (63), musste als Helfer wieder freigelassen werden – er stammt aus der Mafiastadt Neapel.

Anders als das Ruhrgebiet, Bayern, Baden Württtemberg und einige ostdeutschen Großstädte galt Berlin noch nie als Aktionsfeld italienischer Krimineller. In der Hauptstadt wurden im Jahr 2006 vom Landeskriminalamt zwar 75 „Komplexe“ bearbeitet, Banden also, die der organisierten Kriminalität („OK“) zugerechnet werden. Allerdings waren in nur drei dieser 75 Fälle Italiener aktiv, überwiegend in Eigentumsdelikten. Wesentlich aktiver waren Kriminelle aus den ehemaligen GUS-Staaten, vor allem aus Russland, der Ukraine und Litauen (Kfz-Verschiebung) sowie Vietnamesen (Gewaltkriminalität und Schleusungen) und Türken (Drogen). Auch bundesweit machen Italiener nach Angaben des BKA nur 3,5 Prozent der 5500 OK-Verdächtigen aus. Allerdings hatten die italienischen Täter beim BKA das höchste „OK-Potential“, also die größte kriminelle Energie.

Diese war bei den beiden Berliner Hauptverdächtigen zweifelsohne hoch. Sie haben die in schlechtem italienisch verfassten Erpresserbriefe den Wirten persönlich überreicht – die klassische Mafiamethode, die zeigen soll „Ich bin unangreifbar“. Zudem warfen sie bereits zehn Tage nach dem Verteilen des ersten Briefes eine Art Brandbombe in eine Wilmersdorfer Trattoria. Diese brannte nur durch Zufall nicht aus. Bei ihrer Festnahme hatten sie eine scharfe Waffe im Auto, die sie nach Kripo-Erkenntnissen zum Jahreswechsel einsetzen wollten, um ihrem Spendenaufruf Nachdruck zu verleihen. Insofern sei die Festnahme gerade rechtzeitig geglückt, hieß es.

Doch die drei Kriminellen hatten die Rechnung ohne die Wirte gemacht. Denn von denen gingen viele zur Polizei, und zwar subito, sofort. So konnte die Polizei schnell reagieren. Mögliche weitere Opfer werden nun nachdrücklich gebeten, sich zu melden.

Wie berichtet, hatten sich die italienischen Gastronomen unter dem Eindruck der sechs Mafiamorde von Duisburg zusammengetan und eine „Sicherheitspartnerschaft“ mit der Polizei geschlossen. Auch hängten sie Schilder mit der Aufschrift „Mafia? Nein Danke“ auf. Damals hatte noch keiner der Beteiligten an Schutzgelderpressungen gedacht. Das ganze hatte eher symbolischen Charakter, schließlich lag das Motiv an den sechs Morden ja nicht im Kampf um irgendeine „Vorherrschaft“. In Duisburg war ein alter Mafia-Streit, der seinen Ursprung in Italien hatte, fortgeführt worden. Sleiman A. und Domenico S. hatten sich nun ausgerechnet große, bekannte Restaurants mit italienischen Besitzern ausgesucht – also die, die sich im Sommer verbündet hatten.

Zumindest ungewöhnlich, so das LKA, sei, dass sich der Römer Domenico S. ausgerechnet mit einem staatenlosen Palästinenser zusammengetan hat, um einen angeblichen Mafia-Ableger zu gründen – üblicherweise bleibt man unter sich. In dem Brief bezeichnen sich die beiden als „Organisation mit zehnjähriger Erfahrung“. Dies brachte manchen Wirt nachträglich zum Schmunzeln. Camorra, Cosa Nostra und Ndrangheta seien doch wesentlich älter, sagte einer von Ihnen. Nach LKA-Angaben sollen nun die italienischen Behörden prüfen, ob die Inhaftierten zur Mafia gehören. Mit einem schnellen Ergebnis sei nicht zu rechnen.

Während dies bei Italienern der erste Erpressungsversuch war, soll dies unter Asiaten, vor allem Vietnamesen verbreiteter sein. Allein, Opfer und Täter, wenn sie denn überhaupt bekannt werden, schweigen eisern. Auch die verbotene kurdische Terrorgruppe PKK soll in Berlin unter Gewerbetreibenden immer noch „Spenden“ ür den Kampf in der Heimat sammeln. Auch hier gilt: Wer sich weigert, bekommt Ärger.

0 Kommentare

Neuester Kommentar