Polizei & Justiz : Serientäter floh mit falschem Pass aus dem Gefängnis

22-Jähriger erhielt Dokument von einem Besucher Justizbehörden sind ratlos. Senatorin in der Kritik

Jörn Hasselmann

Von dem Häftling, der am Freitagabend aus der Justizvollzugsanstalt Charlottenburg spaziert ist, fehlt weiter jede Spur. Die Umstände seines Verschwindes werfen Fragen auf, die weder die Justizbehörden noch die Polizei bislang klären konnten. Nach Informationen des Tagesspiegels handelt es bei dem 22-Jährigen Firat I. um einen Kriminellen, der seit Jahren bei der Staatsanwaltschaft als Intensivtäter registrier ist und etwa 40 Mal als Verdächtiger im Polizeicomputer geführt wird. Im Jahr 2005 wurde der junge Mann wegen Raubs und Diebstahls zu drei Jahren Haft verurteilt.

Rätselhaft ist zum Beispiel, wie es dem Häftling gelingen konnte, sich gegen einen Komplizen, der gemeinsam mit zwei weiteren Männern zu Besuch im Gefängnis war, „austauschen“ zu lassen. Firat I. nutzte offenbar dessen Personalausweis, um sich beim Wachpersonal als Besucher zu legitimieren und gegen 17 Uhr das Gelände zu verlassen. Allerdings blieb auch der Komplize nicht im Gefängnis zurück – ob er ohne Ausweis die Kontrollen passiert hat, ist unklar. Obendrein fiel das Fehlen des Serientäters erst bei der allabendlichen Zählung um 17.30 Uhr auf. Die Polizei wurde mit 90-minütiger Verzögerung gegen 19 Uhr informiert – so lange wurde das Gefängnis durchsucht, weil offenbar niemand an eine Flucht des Häftlings glauben mochte. Eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Justiz teilte lediglich mit, dass man den Fall erst aufklären wolle, bevor man sich näher äußere. Allgemein war das Entsetzen in der Verwaltung über den Coup des Häftlings groß.

Scharf wurde die neue Justizpanne von der Opposition kritisiert. Der CDU-Abgeordnete Sven Rissmann sprach von „eklatanten Sicherheitsmängeln im Justizvollzug. Die CDU erneuerte ihre Forderung, 200 neue Beamte einzustellen. Sebastian Kluckert von der FDP sagte: „Die Plumpheit der Flucht belegt, dass die Sicherheitskonzeptionen immer noch erhebliche Defizite aufweisen.“ Beide forderten von Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) eine gründliche Aufklärung.

Bei den Inhaftierten wurde derweil heftig über die Flucht spekuliert. Es sei den Beamten nicht einmal aufgefallen, dass eine Tortenplatte und vier Kaffeetassen im Besuchszimmer stehen blieben. Da Gefangene ihre Besucher bewirten dürfen, bringen die meisten Geschirr aus der Zelle mit. Zu den Besuchszeiten dürfen sie maximal drei Erwachsene und ein Kind empfangen. Am Freitag warteten acht Häftlinge auf Gäste „von draußen“. Das Prozedere ist streng geregelt: An der Pforte wird den Besuchern der Pass abgenommen, das Wachpersonal kontrolliert ihre Kleidung und Taschen. Danach geht es gemeinsam ins Besuchszimmer und nach einer Stunde wieder zurück zur Pforte. In diese Gruppe soll sich Firat I. geschmuggelt haben. Der junge Mann war erst am 27. August aus der benachbarten Jugendstrafanstalt in die JVA Charlottenburg verlegt worden. Im Juni 2008 wäre er wieder auf freiem Fuß gewesen. Da er sich mit seiner Flucht nicht strafbar gemacht hat, muss er – wenn er wieder gefasst wird – die Tage in Freiheit nachsitzen. Nach Angaben seiner Mitgefangenen soll I. in letzter Zeit „mit den Nerven fertig“ gewesen sein, wohl weil etwas mit seiner Familie passiert sei. Mehrfach soll er vergeblich um psychologische Betreuung gebeten haben. Mehrere Häftlinge beklagten, dass wegen des massiven Personalmangels alles verschleppt werde. Monatelang müsse man auf eine Stellungnahmen der Anstalt warten – und die gibt es keine Vollzugslockerung. Die Justiz kommentierte die Vorwürfe nicht .

Unklar ist, warum Firat I. als Intensivtäter nicht in Tegel inhaftiert war, wo die „schweren Jungs“ sitzen. In Charlottenburg war er im „Erstverbüßerhaus“ untergebracht, wo Inhaftierte vor „negativen Auswirkungen der Subkultur geschützt“ werden sollen, wie es auf der Internetseite der Haftanstalt heißt. „Ein Seriengewalttäter dieses Kalibers passt dort überhaupt nicht hin“, sagte ein Ermittler

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