Sexualstrafat : Polizei sucht Mittäter und Opfer im Missbrauchsfall

Der Skandal ist wahrscheinlich noch größer als bislang bekannt: Nach der Verhaftung zweier Männer, die in mehr als 50 Fällen mindestens zwölf Jungen sexuell missbraucht haben sollen, ist die Kriminalpolizei bereits weiteren Mittätern auf der Spur.

Tanja Buntrock
jasons in kreuzberg
Tatort. Die Kreuzberger Kneipe "Jason's" diente den Tätern als Lockadresse. -Foto: tabu

„Wir sind dabei sowohl Komplizen als auch so genannte Freier zu ermitteln“, sagte ein Beamter. Derzeit weiß die Polizei von zwölf Opfern, die zwischen zwölf und 15 Jahre alt sind. „Wahrscheinlich gibt es weitere Geschädigte“, hieß es. Da einer der Tatverdächtigen HIV infiziert ist, sei nicht ausgeschlossen, dass er das Virus auf die Opfer übertragen hat. „Das Ergebnis der Bluttests liegt uns noch nicht vor“, hieß es.

Wie berichtet, wurden Markus E. (40) und Frank R. (42) am Mittwoch in ihren Wohnungen in Neukölln und Kreuzberg verhaftet. Sie stehen im Verdacht, die Minderjährigen zum Oralsex genötigt zu haben. Zudem vermittelten sie die Jungen auch an andere Männer und kassierten dafür teilweise weit mehr als 100 Euro. „Die Opfer durften davon nur zehn bis 20 Euro behalten“, sagte ein Ermittler. Beide Männer sind wegen Sexualstraftaten vorbestraft. Die Verurteilungen sollen nicht länger als zwei Jahre zurückliegen.

Markus E. lockte die Jungen, indem er sich als Werbefotograf seiner Agentur „Athleticpromotion“ ausgab. Sowohl in der Kneipe „Jayson’s“ in der Kreuzberger Eisenbahnstraße, die er betrieb als auch im Internet warb er damit. Das Lokal, eine angebliche Shisha-Bar, fungierte geradezu als „Kontaktbörse“: Hier trafen sich die Kinder und Jugendlichen und wurden an andere Männer weiter vermittelt. Doch auch im Internet findet sich noch ein alter Eintrag der Agentur „Athelticpromotion“: „Boy Model Agency, ständig neue Jungs als Fotomodelle gesucht, sweet young boys“, heißt es da. Für die Werbefotos soll E. den Jungen viel Geld versprochen haben. Um das Ganze legal erscheinen zu lassen, verlangte er sogar eine Unterschrift der Eltern. Die Opfer, alles Deutsche, sollen aus „relativ normal strukturierten Familien stammen“, sagt ein Ermittler. Allerdings seien viele der Eltern finanziell nicht gut gestellt, „so dass die Jungen nach Chancen suchten, ihr Taschengeld aufzubessern“. Die Foto-Shootings fanden in E.s Hinterhauswohnung in der Neuköllner Donaustraße statt. Auf dem Klingelschild steht noch der Name seiner Werbeagentur. „Wir haben hier nie irgendwelche Jungen gesehen“, sagte eine Nachbarin auf derselben Etage gestern. Doch einer der Anwohner muss etwas bemerkt haben. Laut Polizei kam von ihm der Hinweis. Er hatte sich über die vielen Jungen und Männer, die in der Wohnung ein- und aus gingen gewundert.

Auch E.s Komplize Frank R. ließ sich mindestens drei Jungen in seine Hochhauswohnung in die Alexandrinenstraße kommen. Die Wohnung liegt im elften Stock des anonymen Gebäudes. Trotz seiner HIV-Infektion soll R. dort mit den Opfern Oralsex praktiziert haben. Auch hier habe keiner der Nachbarn etwas von dem Treiben mitbekommen. „Man ist geschockt, wenn man das hört. Aber hier kennt kaum einer den anderen“, erzählt eine Mieterin.

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