Spektakulärer Überfall : Fünfter Verdächtiger nach Pokerraub festgenommen

UPDATE Nach dem spektakulären Überfall auf ein Berliner Pokerturnier am 6. März hat die Polizei in der Nacht zum Montag einen fünften Tatverdächtigen festgenommen. Die Polizei prüft, ob eine Großfamilie als Auftraggeber hinter dem waghalsigen Überfall auf das Pokerturnier steckt. Möglicherweise drängten Angehörige die Verdächtigen selbst zur Aufgabe.

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Stecken unbekannte Auftraggeber hinter dem spektakulären Poker-Raub im Hyatt-Hotel? Zwei Wochen nach dem Überfall am Potsdamer Platz sind am Sonntag auch die letzten beiden der vier mutmaßlichen Räuber dem Haftrichter vorgeführt worden – und sitzen wegen des Verdachts auf bewaffneten Raub in Untersuchungshaft. Doch Ermittler prüfen diese Woche, ob die heranwachsenden Wiederholungstäter den waghalsigen Plan allein ausgeheckt haben. Von Juristen heißt es, die vier Männer hätten sich am Vorgehen einer der zwei konkurrierenden Großfamilien orientiert, die Polizei und Justiz seit Jahren beschäftigen. Am Abend des Überfalls am 6. März dieses Jahres saß am Pokertisch von Autorin Charlotte Roche ein 35-jähriger Mann, der als führendes Mitglied einer der beiden Familien gilt. Ermittler prüfen, ob das ein Zufall war.

In der Nacht zum Montag wurde nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur ein fünfter Tatverdächtiger festgenommen, der womöglich das Fluchtauto fuhr. Es sei ein 28 Jahre alter Mann, sagte ein Polizeisprecher. Nähere Angaben zum Ort der Festnahme und zur Beteiligung des Mannes an dem Überfall machte die Polizei bislang nicht.

Inwiefern Verwandte und Bekannte aus diesem als mafiös bewerteten arabischen Milieu die jungen Männer tatsächlich mit der Tat beauftragt haben, ist aber fraglich. Fest steht, dass die am Freitag festgenommenen Mustafa U. und Jihad C. den Ermittlern vor ihrer Rückkehr nach Deutschland über ihre Anwälte signalisiert hatten, sich zu stellen – vermutlich nach Rücksprache mit Angehörigen. Beide sind am Samstag am Flughafen Tegel festgenommen worden – sie waren zuvor in die Türkei und den Libanon geflohen. Der Verdacht liegt nahe, dass sie auch dort Unterschlupf bei Angehörigen gesucht hatten. Jihad C. war vor der Heimkehr von einem Mann zum Beiruter Flughafen begleitet worden.

Der hohe Fahndungsdruck habe dazu geführt, dass etwaige Unterstützer im Umfeld der Gesuchten, den beiden Verdächtigen nahegelegt hatten, sich zu stellen. „Man kann davon ausgehen, dass die Familienchefs ihren Nachwuchs nach dem dilettantischen Überfall geohrfeigt haben, und dann angeordnet worden ist, sich zu ergeben“, sagte ein Berliner Strafrechtler, der sich mit Gruppenkriminalität befasst, dem Tagesspiegel. Möglicherweise wären die entscheidenden Hinweise zur Festnahme der Männer sogar aus deren Umfeld gekommen. „Man wollte Schaden abwenden, denn ein paar Jahre im Jugendknast sind ein kleineres Übel als geplatzte Deals, weil im Milieu zu viel Polizei unterwegs ist.“

Kenner halten auch eine zweite These für realistisch: Ein Mann aus dem Umfeld der konkurrierenden Großfamilie, Muhammed B., wurde kurz nach dem Überfall unter dringendem Tatverdacht festgenommen, musste aber freigelassen werden. Muhammed B. hatte ein Alibi. Bei ihm fand die Polizei einen Zettel mit sechs Namen, darunter drei der nun verhafteten Männer. Denkbar ist, dass entweder B.s Umfeld hinter dem Raub steckt oder aber seine Großfamilie wusste schlicht vom Plan der Konkurrenz. Aus Rache seien den Ermittlern die Namen der Pokerräuber dann bestätigt worden. In diesem Fall habe also eine Gruppe mit Hilfe des Staates der lästigen Konkurrenz schaden wollen.

Von Polizei und Justiz war gestern nur zu erfahren: „Wir sind vorerst zufrieden.“ Unklar bleibe, wo die Beute von 242 000 Euro sei, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Der 21-jährige Vedat S. hatte angekündigt, seinen Teil der Beute zurückzugeben. Er war am vergangenen Montag als erster in Berlin gefasst worden und hatte nach Verhören seine Komplizen verraten. Durch sein Geständnis und die Weitergabe der Namen seiner drei mutmaßlichen Mittäter könnte ihn im Prozess durch die Kronzeugenregelung eine mildere Strafe erwarten – „muss aber nicht“, sagen Beamte. Schließlich habe man ohnehin genug Spuren gehabt, um S. ohne Geständnis hinter Gitter zu bringen. Das Fluchtauto konnte ihm zugeordnet werden. „In diesem Fall wird es in den einschlägigen Kreisen noch viel Ärger um Verrat und Gegenverrat geben“, sagt der Beamte.

Bei dem Überfall hatten die Pokerräuber zahlreiche Spuren hinterlassen und wurden von Überwachungskameras gefilmt. Kriminalisten sprachen von einer dilettantischen Vorgehensweise. Der Polizei waren alle vier Männer türkischer und arabischer Herkunft einschlägig bekannt. Sie sitzen getrennt im Untersuchungsgefängnis Moabit.

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