Tatort Nahverkehr : Zwei Jahre Haft für Flusssäure-Schmierer

Hartes Urteil gegen einen 24-Jährigen. Doch die rigide Linie Berlins zeigt Wirkung: Die Zahl der Taten geht zurück – trotz Graffititourismus.

Tanja Buntrock
Flusssäure
Echt ätzend. Flusssäure ist gefährlich - die Tatorte werden jedesmal abgesperrt. -Foto: ddp

Das Urteil ist hart ausgefallen: Erstmals wurde am Dienstag in Berlin ein Flusssäure-Täter vom Gericht verurteilt. Wegen Sachbeschädigungen durch die stark ätzende Flusssäure muss er für zwei Jahre ins Gefängnis. Der bislang nicht vorbestrafte Mann war Anfang Juni festgenommen worden und saß seither in Untersuchungshaft. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der 24-Jährige am Bahnhof Nikolassee einen Windfang eines S-Bahn- Waggons sowie die Scheibe eines Infokastens mit Flusssäure beschädigte. Zudem hatte er sowohl in Berlin als auch in der Nähe von Nürnberg jeweils zweimal durch Graffiti Sachbeschädigungen begangen. Die Strafe fiel auch deshalb so hart aus, da das Gericht die Tatsache, dass es sich bei der verwendeten Flusssäure um eine überaus gefährliche Flüssigkeit handelt, als strafverschärfend bewertet.

„Das harte Urteil ist ein Signal an alle, die meinen, mit Flusssäure hantieren zu müssen“, sagte der Leiter der „Gemeinsamen Ermittlungsgruppe Graffiti in Berlin“ (GiB), Andreas Grabinski. Trotz des aufsehenerregenden Urteils betont die Polizei jedoch, dass die Zahlen der Flusssäure-Taten rückläufig sind. Im vergangenen Jahr wurden 220 Fälle gezählt, in diesem Jahr sind es bislang 50. Was die Graffititaten angeht, stiegen die Zahlen nicht weiter, bewegten sich aber auf einem „hohen Niveau“, sagt Grabinski. 20 000 Graffitischmierereien wurden im vorigen Jahr festgestellt. Der harte Kern der Sprayer bestehe nach wie vor aus rund 200 Leuten.

Doch gerade in den vergangenen Jahren wurde Berlin für Graffititouristen immer beliebter. Immer wieder nimmt die Polizei auch Aktivisten aus England oder Skandinavien fest, die hier ihre Tags (Namenskürzel) verewigen. Erst am Sonntag fasste die Polizei, wie berichtet, sechs junge Engländer aus einer Reisegruppe, die in Prenzlauer Berg vier Hauswände besprüht hatten. „Es ist billig, nach Berlin zu reisen und dort zu feiern. Zudem hat die Stadt eine Graffitikultur, deshalb kommen viele Sprayer aus Skandinavien oder England“, sagt ein Szenekenner. Auch Grabinski kann dies bestätigen. Teilweise reisten die Graffititouristen zu organisierten Treffen an. „Wenn wir dann Täter festnehmen, finden wir manchmal Sprühdosen aus ihren Heimatländern“, sagt der GiB-Leiter. Es gebe aber auch junge Touristen, „die zunächst nur so nach Berlin reisen und dann hier auf den Geschmack kommen und sich Sprühdosen besorgen“, sagt Grabinski.

Diesen Spaß aber wollen die Wohnungsbaugesellschaft den Sprayern verderben – auch wenn es teuer ist. Offenbar zunehmend erfolgreich: Gaben sie im Jahr 2001 noch 4,5 Millionen Euro für die Kosten zur Beseitigung der Schäden aus, waren es im vorigen Jahr nur 2,95 Millionen Euro. „Das macht einen Rückgang um 34 Prozent“, sagt David Eberhart vom Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU). Hier sind 143 Wohnungsbaugesellschaften wie Stadt und Land oder Degewo und Howoge Mitglied. Die verminderten Kosten zur Schadensbeseitigung ließen den Rückschluss zu, dass die „Null-Toleranz- Strategie“ aufgehe, sagt Eberhart. So seien die Hauswarte der großen Wohnungsbaugesellschaften angehalten, die Schmierereien zu beseitigen, sobald sie entdeckt werden. Bei der Howoge gebe es sogar die Anweisung, dass dies binnen 24 Stunden geschehen muss. In den Mietwohnungen des Unternehmens Stadt und Land im Neuköllner Rollbergviertel seien die Ausgaben für die Schadensbeseitigung um 40 Prozent zurückgegangen. „Hier hat sich bewährt, dass eine Kameraüberwachung stattfindet und ein privater Sicherheitsdienst auf Streife geht“, sagt Eberhart.

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