Tempodrom : Am Ende eines Traums

Vor dem Landgericht ist der Untreue-Prozess gegen die ehemaligen Chefs des Tempodroms eröffnet worden. Die Staatsanwaltschaft sieht ein verbotenes "In-sich-Geschäft".

Matthias Oloew
Moessinger
Auf dem Weg in das Berliner Landgericht: Irene Moessinger mit Anwalt. -Foto: ddp

Zu ihrem letzten Auftritt in der Tempodrom-Affäre sind sie alle gekommen, Freunde wie der Kabarettist Arnulf Rating und ehemalige Mitarbeiter. Sie wollen dabei sein, wenn Irene Moessinger, Ex-Chefin des Kulturzelts, und ihr ehemaliger Geschäfts- und Lebenspartner Norbert Waehl im Saal 500 des Landgerichts in Moabit sich der Anklage stellen, sie hätten sich als Doppelspitze des Tempodroms unrechtmäßig bereichert und Gelder veruntreut. Moessinger wirkt gefasst, sagt aber kein Wort, sondern lässt ihren Anwalt Peter Zuriel eine Erklärung verlesen. Genauso macht es Anwalt Stefan Conen für seinen Mandanten Waehl. Die Kernaussage: Beide haben sich nicht bereichert, sondern erhielten, was ihnen vertragsgemäß zustand.

Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden vor, sich im Jahr 2001 insgesamt 42 000 Euro als Vorsitzende des Stiftungsrates Neues Tempodrom zu viel zugebilligt zu haben. Außerdem sollen sie verantwortlich dafür sein, dass die weitgehend aus öffentlichen Geldern getragene Stiftung rund 17 000 Mark (8500 Euro) an Rechnungen der privaten Betreibergesellschaft bezahlt haben. Schon die Konstellation, dass Moessinger und Waehl nicht nur Vorsitzende der Stiftung, sondern auch der Betreibergesellschaft waren, ist für Staatsanwalt Frank Thiel problematisch: „Hier liegt zivilrechtlich ein verbotenes In-sich-Geschäft vor.“ Als Betreiber hätten sie Vorteile genossen, die der Steuerzahler letztlich bezahlt hat.

Tatsächlich aber sind Moessinger und Waehl heute mittellos. Ihr Traum von ihrem Kulturbetrieb hat sie ihre wirtschaftliche Existenz gekostet. Da während einer der waghalsigen Rettungsaktionen mit Steuermillionen für den überschuldeten Neubau am Anhalter Bahnhof die Banken neue Kredite nur auszahlten, wenn sie beide persönlich dafür hafteten, haben Moessinger und Waehl seinerzeit Bürgschaften unterschrieben. Deshalb lasten nach Angaben ihrer Anwälte Schulden von jeweils 1,2 Millionen Euro auf ihren Schultern. „Es war ihr Lebenswerk“, sagt Anwalt Zuriel während einer Verhandlungspause, „und um das sehen sich unsere Mandanten jetzt gebracht.“

Anders als die beiden müssen sich die Politiker, die in die Tempodrom-Affäre verstrickt waren, nicht vor Gericht verantworten. Die Anklagen gegen den ehemaligen Stadtentwicklungssenator Peter Strieder und Finanzsenator Thilo Sarrazin (beide SPD) hat das Gericht nicht zugelassen, weil in seinen Augen kein Schaden zum Nachteil des Landes Berlin entstanden ist. Der Senat hatte zwar in den Jahren 1999 bis 2002 fast vollständig die Baukosten für das Tempodrom getragen, obwohl es sich letztlich um das private Projekt der beiden Angeklagten Moessinger und Waehl handelte.

Besonders bitter ist das Ende für Irene Moessinger. Die einstige Krankenschwester hatte 1980 eine Millionenerbschaft in den Kauf eines Zirkuszelts gesteckt und so den Grundstein für die Erfolgsgeschichte des Tempodroms gelegt. Mit dem Neubau am Anhalter Bahnhof, inklusive Thermalbad und Freiflächen, glaubte sie sich am Ziel ihrer Träume.

Heute ist das Liquidrom verkauft, die Betreibergesellschaft in privater Hand, nur das Gebäude mit seinem markanten Zackendach steckt noch in der Konkursmasse. Doch der Insolvenzverwalter ist optimistisch, in diesem Jahr einen Käufer präsentieren zu können. Um die Schuldfrage für die Baukostenexplosion beim Tempodrom geht es in diesem Prozess nicht. „Wir verhandeln hier ein Abfallprodukt der gesamten Ermittlungen“, sagt Staatsanwalt Thiel. Am 16. Januar wird weiterverhandelt.

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