Tod einer Patientin : Schönheitschirurg zu Gefängnisstrafe verurteilt

Ein Schönheitschirurg ist im Prozess um den Tod einer Patientin nach einer ambulanten Bauchstraffung zu vier Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt worden. Damit blieb das Gericht deutlich unter der Forderung des Staatsanwalts.

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Der Schönheitschirurg konnte die Patientin nach einem plötzlichen Herzstillstand zwar reanimieren. Einen Notarzt aber holte Reinhard Sch. nicht. Erst sieben Stunden nach dem Kollaps bei einer ambulanten Bauchstraffung kam die 49-Jährige ins Krankenhaus. Da sei die Frau „todgeweiht, nicht mehr zu retten“ gewesen, hieß es am Montag im Urteil gegen den Chirurgen. Der 60-jährige Chirurg wurde der Körperverletzung mit Todesfolge sowie des versuchten Totschlags schuldig gesprochen. Die Richter verhängten eine Gefängnisstrafe von viereinhalb Jahren sowie ein vierjähriges Berufsverbot.

Anja S. war am Morgen des 30. März 2006 in der Charlottenburger Tagesklinik. „Sie kam gesund“, sagte Richter Ralph Ehestädt. Die Mutter von drei Kindern wollte sich die Schönheitsoperation zum Geburtstag leisten. 1800 Euro sollte der Eingriff kosten. Die OP fand unter rückenmarksnaher Betäubung und einem narkoseähnlichen Dämmerschlaf statt. Ein Anästhesist war nicht dabei. Der Angeklagte hatte behauptet, dass die Patientin dem zugestimmt habe. Der Witwer widersprach. Das Landgericht befand, dass Anja S. über die Anwesenheit eines Narkosearztes getäuscht worden sei. „Die Aufklärung war nicht ordnungsgemäß.“

Gegen Ende der vierstündigen Operation erlitt die Frau einen Herz-Kreislauf-Kollaps. Die Ursache blieb unklar. Nach der Wiederbelebung wäre unverzüglich eine intensiv-medizinische Behandlung erforderlich gewesen, sagte der Vorsitzende Richter. Das sei dem Angeklagten mit mehr als 30-jähriger Berufserfahrung bewusst gewesen. Warum er nicht sofort Rettungskräfte alarmierte, habe im Prozess nicht geklärt werden können. Es mag „maßlose Selbstüberschätzung, eine gewisse Verbohrtheit oder Ignoranz“ gewesen sein, befand das Gericht. Auch Überforderung und Stress seien denkbar.

Der Staatsanwalt war von Körperverletzung mit Todesfolge in Tateinheit mit versuchtem Mord ausgegangen. Er hatte acht Jahre und sechs Monate Haft sowie ein lebenslanges Berufsverbot gefordert. Der Ankläger nahm niedrige Beweggründe an. Sch. habe um seinen Ruf gefürchtet und straf-, berufs- oder zivilrechtliche Konsequenzen verhindern wollen, argumentierte er. „Es kann so gewesen sein“, befanden die Richter. „Die Motivlage konnten wir aber nicht sicher feststellen.“ Deshalb entschieden sie auf einen versuchten Totschlag.

Als Anja S. am Nachmittag nicht wie geplant aus der Narkose erwachte, begann aus Sicht des Gerichts „ein systematisches Vertuschen und Herunterspielen“. Der Ehemann der Patientin sei vertröstet worden. Kein Rettungswagen, sondern ein normaler Krankentransport wurde angefordert. Eine wache Patientin sei der Klinik angekündigt worden, „doch es kam eine komatöse“. Seine Mitarbeiter habe Sch. „auf einen bestimmten Ablauf eingeschworen“ und diesen am nächsten Tag schriftlich festgehalten.

Reinhard Sch. schüttelte wie so oft an den mehr als 40 Verhandlungstagen den Kopf. Er hatte erklärt, dass die Patientin zunächst nicht transportfähig gewesen sei und sich stabilisieren sollte. Den Intensivmedizinern der Klinik, in der Anja S. zwölf Tage später gestorben war, warf er ärztliche Fehler vor. Die Krankenakte der Frau sei manipuliert worden, behauptete die Verteidigung. Trotz „Dokumentationslücken“ sahen die Richter aber kein grob fehlerhaftes Verhalten der Klinikärzte.

Der Schönheitschirurg verließ wortlos den Saal. Er saß im Dezember 2008 knapp zwei Wochen in Untersuchungshaft und wurde gegen Kaution entlassen. Nun bleibt er zunächst frei, denn das Urteil ist nicht rechtskräftig. Anklage, Nebenklage und Verteidigung wollen eine Revision prüfen.

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