Urban-Krankenhaus : Messerattacke in Rettungsstelle

Pöbeleien, körperliche Attacken, manchmal sogar lebensgefährliche Verletzungen – für die Mitarbeiter in den Rettungsstellen einiger Berliner Krankenhäuser sind die Zeiten hart geworden. Sie werden immer öfter angegriffen.

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So wurde erst jetzt ein schwerer Zwischenfall bekannt, der sich Ende Januar in der Rettungsstelle des Kreuzberger Urban-Krankenhauses ereignet hat. Sonntagabends gegen halb elf Uhr war ein 27-jähriger Mann mit Schmerzen im Fußgelenk in die Notaufnahme gekommen. Weil man ihn nicht gleich so behandelte, wie er es erwartete, stach er laut Polizei zwei Mal auf einen Pfleger ein und verletzte diesen schwer.

Man habe dem Mann nach seiner Ankunft in der Rettungsstelle erst einmal einen Eisbeutel gegeben, um die Schmerzen zu lindern, sagt Rettungsstellen-Chefarzt Michael de Ridder. „Das war ja kein Notfall, sondern eine Verstauchung. Solche Patienten müssen länger warten, weil die echten Notfälle schneller behandelt werden.“

Der Mann mit Migrationshintergrund, wie die Polizei später bestätigt, habe aber darauf bestanden, sofort ärztlich versorgt zu werden. Eine Schwester versuchte, den immer aggressiver agierenden Patienten zu beruhigen – erfolglos. Als ein Pfleger dazwischen ging, um seiner bedrängten Kollegin zu helfen, habe der 27-Jährige plötzlich ein Messer gezogen und zweimal auf den Pfleger eingestochen, so der Chefarzt.

Eine Polizeibeamtin, die zufällig zu der Zeit in der Rettungsstelle anwesend war, konnte den Täter schließlich mit gezogener Waffe dazu bewegen, das Messer wegzulegen. „Der Pfleger erlitt eine schwere Verletzung der Lunge und musste drei Tage lang auf der Intensivstation behandelt werden“, sagt de Ridder. „Nur durch Zufall hat er überlebt. Hätte das Messer ein größeres Blutgefäß verletzt, hätte es anders ausgehen können.“

Die Polizei teilte auf Anfrage mit, dass der Mann zunächst festgenommen und nach Feststellung der Personalien wieder freigelassen worden sei. Gegen ihn wird wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung ermittelt.

Der kommunale Klinikkonzern Vivantes, zu dem das Urban-Krankenhaus gehört, prüft nun, ob man in der Rettungsstelle künftig einen Wachschutz einsetzen sollte. Im ebenfalls zu Vivantes gehörenden Klinikum Neukölln ist das seit Ende 2008 der Fall. Man habe damit positive Erfahrungen gemacht, sagt Vivantes-Pressesprecher Uwe Dolderer. „Die Mitarbeiter fühlen sich sicherer, die Gewalt ist seitdem deutlich zurückgegangen.“ Allerdings für einen Preis: Seither würden die Mitarbeiter in der Notaufnahme wesentlich stärker verbal angegriffen, heißt es.

Auch darunter leiden die Pflegekräfte am Urban-Krankenhaus. „So manche Schwester kommt weinend zu mir, wenn sie wieder einmal als Hure oder Abschaum beschimpft wurde", berichtet Chefarzt de Ridder.

Dass die Stimmung in den Rettungsstellen immer aggressiver wird, bestätigt auch Martin Möckel, Leiter der internistischen Notaufnahme der Charité an den Standorten Mitte und Wedding. „Ungeduld und Aggressivität nehmen zu.“ Ebenso wie die Wartezeiten und die Arbeitsbelastung für die Mitarbeiter. Insgesamt versorgten die Rettungsstellen der drei Charité-Standorte in Mitte, Wedding und Steglitz jährlich 200 000 Patienten – „doppelt so viele wie vor zehn Jahren und das bei gleichem Personal.“

Immer mehr Hilfesuchende, viel zu wenig Personal, immer längere Wartezeiten: Das sind auch aus Sicht der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di die Hauptgründe für die wachsende Ungeduld und die zunehmenden Beschwerden über stundenlanges Ausharren in den Notaufnahmen ohne einen Arzt zu Gesicht bekommen. Oft ist es auch schwierig, zu vermitteln, dass Schwerkranke Vorrang haben – besonders bei Sprachproblemen.

Chefarzt de Ritter am Urban plädiert dafür, dass die Rettungsstellen die Behandlung von Nicht-Notfällen ablehnen dürften. Eine Zugangskontrolle sei nötig. „Ein Arzt muss sagen können: ’Sie sind kein Notfall, gehen Sie zu Ihrem Hausarzt’.“ In der Notaufnahme am Urban werden jährlich 40000 Patienten versorgt. Davon hätte laut de Ritter die Hälfte gut zu einem niedergelassenen Arzt gehen können.

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) verschärft die Situation aus Sicht des Arztes, weil sie aus Kostengründen die ambulanten Rettungsstellen außerhalb der Kliniken dichtgemacht hat. Als aggressivitätsfördernd rügt de Ridder auch die „unsinnige Praxisgebühr“ von zehn Euro, die die Notaufnahmen kassieren müssten.

Wenn nicht bald etwas geschehe, dann drohten auch in Berliner Rettungsstellen amerikanische Verhältnisse, fürchten Notärzte und Schwestern. „Vor einer Behandlung jeden Patienten auf Waffen durchsuchen zu müssen, das kann doch nicht der richtige Weg sein.“

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