Urteil : Baby Fäkalien gespritzt: Haft für die Mutter

Nun ist das Urteil auf dem Tisch: Die Mutter, die ihre kleinen Sohn wochenlang durch Spritzen mit ihren eigenen Fäkalien gequält hatte, muss viereinhalb Jahre hinter Gitter. Um das Kind kümmert sich von jetzt an der Vater.

Kerstin Gehrke

Berlin„Sie haben Carlos großes Leid zugefügt“, sagte der Vorsitzende Richter. Heike S., die kurz vor Ende des dreimonatigen Prozesses ein Geständnis abgelegt hatte, nickte nicht, sie zuckte auch nicht zusammen. Wieder saß die Mutter, die ihrem kleinen Sohn in einem Krankenhaus drei Mal ihre eigenen Fäkalien gespritzt und dadurch bis zur Lebensgefahr gequält hat, wie eingefroren auf der Anklagebank. Wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen, gefährlicher Körperverletzung und Verletzung der Fürsorgepflicht wurde sie zu vier Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.

Der Staatsanwalt war ursprünglich von versuchtem Mord ausgegangen. Nach der Befragung eines psychiatrischen Gutachters aber änderte sich das. Die 30-jährige Mutter leidet an einer schweren kombinierten Persönlichkeitsstörung und war nach Einschätzung des Nervenarztes vermindert schuldfähig. Er diagnostizierte das „Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom“. Diese psychische Erkrankung führt dazu, dass Eltern – zumeist Mütter – ihre Kinder krank machen, um helfen zu können und dadurch Anerkennung zu bekommen.

Heike S. habe Carlos absichtlich krank gemacht, um in die Rolle einer perfekten Mutter schlüpfen zu können, sagte der Richter. Carlos war 19 Monate alt, als er im September 2007 im Helios-Klinikum lag. Er war zu klein und wog nur 8,7 Kilogramm. Seine Mutter schlief mit in seinem Zimmer. Wenn sie zeigen konnte, dass sie sich aufopferungsvoll um ihn kümmert, sei das für sie ihre Bühne gewesen, hatte der Gutachter erklärt.

Das „Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom“ ist eine seltene Erkrankung. Opfer werden zu Tätern, sagte eine Anwältin. Auslöser seien oft nicht verarbeitete Misshandlungen in der eigenen Kindheit. Heike S. erlebte Gewalt durch den alkoholabhängigen Vater und sexuelle Übergriffe durch den Onkel. Sie begann, sich selbst zu verletzen, hungerte sich fast zu Tode, war mehrfach in Kliniken. Vor sieben Jahren heiratete sie, vier Jahre später wurde ihr Sohn geboren. Ein Wunschkind, sagte sie im Prozess. Sie leide nun unter starken Schuldgefühlen. Warum sie ihrem kleinen Sohn geschadet habe, könne sie aber nicht erklären.

Die Ärzte konnten sich die Fieberschübe mit Schmerzen und die Darmbakterien im Blut des Kindes lange nicht erklären. Bis eine Krankenschwester Einwegspritzen mit einer dunklen Flüssigkeit in der offenen Badetasche der Mutter sah. Die Klinik reagiert sofort. Die Mutter durfte nicht mehr allein sein mit Carlos. Später belegten DNA-Spuren den Verdacht. Seit mehr als einem Jahr hat Heike S. ihren Sohn nicht mehr gesehen. Sie darf es nicht. Für Carlos sei die Mutter aufgrund ihrer Erkrankung gefährlich, hieß es im Urteil.

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