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Urteil : Tödliche Therapie:  Knapp fünf Jahre Haft für den Arzt

Nach dem Drogen-Tod zweier Patienten hat das Berliner Landgericht den Psychotherapeuten Garri R. zu vier Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt. Zunächst bleibt er aber auf freiem Fuß.

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Garri R. Foto: dpa
Garri R.Foto: dpa

Eine Frau auf der ersten Zuhörerbank schluchzte auf. Garri R. aber blieb wieder einmal gefasst. Vier Jahre und neun Monate Haft verhängte gestern das Landgericht für den Drogentod zweier Patienten. Das klingt milde im Vergleich zu den vom Staatsanwalt geforderten acht Jahren Gefängnis. Auf höchstens drei Jahre hatten seine Verteidiger plädiert. Auch in der Frage des Berufsverbots blieben die Richter moderater als der Ankläger. Als niedergelassener Arzt und Psychotherapeut darf Garri R. dem Urteil zufolge nie wieder arbeiten. Als Arzt in einem Krankenhaus schon.

Mit gefalteten Händen saß der 51-jährige Arzt für Allgemeinmedizin und Psychotherapeut zwischen seinen beiden Anwälten. Sie hatten das Geschehen in der Hermsdorfer Praxis von Garri R. als einen „tragischen Unglücksfall“ dargestellt. Das Gericht aber sah das anders. „Sie sind Arzt, sogar Suchttherapeut, Sie kannten die Risiken“, hielt Richter Ralph Ehestädt dem Angeklagten vor. „Sie haben Ihre berufliche Stellung missbraucht, gröblichst die Pflichten eines Arztes verletzt, schlimmer geht es nicht.“

Garri R. ist aus Sicht des Gerichts der Körperverletzung mit Todesfolge in zwei Fällen sowie der gefährlichen Körperverletzung in fünf Fällen schuldig. So hatte es auch Staatsanwalt Matthias Weidling beantragt. Er hatte die Drogentherapie von Garri R. als Scharlatanerie eingestuft und den Arzt als einen „examinierten Dealer und Verbrecher“ bezeichnet. Die Verteidiger wollten einen Schuldspruch wegen fahrlässiger Tötung.

Vor 23 Jahren erhielt Garri R. seine Approbation. Er arbeitete in Kliniken und als Landarzt. Ende der 1990er Jahre aber verschrieb er sich der „Psycholytischen Psychotherapie“. Diese Methode setzt auf „bewusstseinserweiternde Mittel“, um „die Seele zu lösen“. Er lernte sie bei dem umstrittenen Schweizer Psychiater Samuel Widmer kennen. 2005 ließ sich Garri R. in Berlin nieder.

Zwölf Patienten waren am 19. September 2009 zu ihm gekommen. Geplant war eine „gemeinsame Reise“. Die acht Männer und vier Frauen wussten, dass es „Mittel“ geben würde. Es war ihnen auch klar, dass es sich um nicht erlaubte Substanzen handelt. Einer der Patienten hatte das Zeug beschafft. So war schon bei früheren „Intensivsitzungen“. Eine „eigenverantwortliche Selbstgefährdung“ liege jedoch nicht vor, sagte Richter Ehestädt. „Es war eine Fremdgefährdung. Sie hatten die Tatherrschaft.“ Eine Einwilligung der Patienten habe auch nicht vorgelegen. „Es gab keine individuelle Aufklärung über die Unberechenbarkeit der Droge.“

Er verteilte erst eine Substanz, die nicht explizit verboten ist. Zwei Stunden später dann Ecstasy. Beim Abwiegen des Pulvers hatte er sich noch gewundert. Die Menge schien ihm groß. Er schob die Zweifel beiseite. Ein katastrophaler Fehler: Statt der beabsichtigten 120 Milligramm füllte Garri R. die zehn- bis 20-fache Menge in die Gläser. Zwei Männer starben, fünf Patienten erlitten Vergiftungen.

Die von der Anklage geforderten acht Jahre Haft aber seien „deutlich überzogen“, sagte Ehestädt. Der Arzt sei von Anfang an geständig gewesen, habe sich um Rettung bemüht, seine berufliche Stellung verloren. Und es sei ein „erhebliches Mitverschulden“ der Patienten zu berücksichtigen, befand das Gericht. Nach acht Monaten wurde Garri R. gegen Meldeauflagen von der U-Haft verschont. Bis zur Rechtskraft des Urteils bleibt er frei. Bis dahin kann noch viel Zeit vergehen, denn Verteidigung und Staatsanwaltschaft wollen Revision prüfen.

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