Verkehr : Polizei will Rotfahrer jetzt an jeder Ampel jagen

Weil die Zahl schwerer Unfälle steigt, werden mobile Geräte angeschafft. Die 14 fest installierten Kameras schrecken keinen mehr, weil sie fast jeder kennt.

Jörn Hasselmann

Seit Jahren verrohen die Sitten im Straßenverkehr – nun rüstet die Polizei auf. In Berlin sollen Rotlichtsünder jetzt auch mit mobilen Geräten gestellt werden. Das erste Testgerät soll bald ausgeschrieben werden. Nach Angaben eines Herstellers kostet ein derartiges System, das Berlin anschaffen will, etwa 60 000 Euro. Bislang konnten sich die Berliner Autofahrer darauf verlassen, dass an nur 14 der gut 2000 Ampeln Überwachungskameras montiert waren – Millionen Rotlichtverstöße also nicht bekannt werden. Die 14 Standorte sind seit vielen Jahren allgemein bekannt, eingezeichnet in speziellen „Autofahreratlanten“ und diversen Internetseiten wie „radarforum.de“.

Entsprechend vorsichtig reagieren die Autofahrer an diesen Stellen. In den ersten fünf Monaten diesen Jahres wurden nur noch 12 570 Rotlichtverstöße gezählt, das sind knapp zwei Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Bei den so genannten „qualifizierten Verstößen“ (länger als eine Sekunde rot) sank die Zahl um acht Prozent auf 923. „Notorische Sünder kennen die Standorte“, hieß es im Präsidium. Denn dass die Moral auf der Straße sich nicht bessert, zeigen die gestiegenen Unfallzahlen. In den ersten fünf Monaten stieg die Zahl der „schweren Rotlicht-Unfälle“ um 16 Prozent auf 631. In den ersten fünf Monaten des Vorjahres waren es 544 schwere Unfälle.

Dabei sind mittlerweile jedenfalls alle 14 Geräte wieder im Betrieb. Im Vorjahr waren an sechs Kreuzungen die Kästen längere Zeit defekt. Sie waren zerstört worden bei Unfällen oder Bauarbeiten. Den Pannenrekord hatte das Blitzgerät an der Bismarckstraße gehalten, das 2006 zu genau 94,8 Prozent der Zeit kaputt war. Repariert wurden diese und andere Anlagen nicht, weil sich Behörden über die Kosten stritten. Nachdem diese peinlichen Zahlen durch einen Bericht des Tagesspiegels im Februar bekannt geworden waren, wurden in einem Kraftakt die Geräte repariert. Dass die Zahl der geblitzten Sünder dennoch nicht wieder stieg, löste die Entscheidung für die Anschaffung eines mobilen Gerätes aus. Die „Sicherheit“, alle Standorte zu kennen, sei dann weg, hieß es. Vor allem an Unfallbrennpunkten soll das Gerät zum Einsatz kommen – wie bereits in Leipzig.

Andere deutsche Städte sind technisch schon weiter. In Wiesbaden zum Beispiel wurde ein Blitzgerät aufgestellt, das in einer Art Stele auf dem Mittelstreifen als moderne Kunst getarnt wurde. Die Bilder werden direkt in den Computer der Bußgeldstelle gesendet. Vandalismusresistent ist die Säule auch: Ein ertappter Autofahrer feuerte mehrfach mit einer Schrotflinte auf die blitzende Säule – nach Angaben der örtlichen Zeitung gab es nur Kratzer im Lack. In einigen Tunneln sind Geräte installiert, bei denen man den Blitz nicht mehr sieht.

Am sinnvollsten wäre es, heißt es im Berliner Polizeipräsidium, wenn ein Teil der Bußgelder aus der Verkehrsüberwachung der Polizei direkt in neue Technik investiert würde. Diesen Wunsch habe der Senat jedoch abgelehnt. Nur 2006 hatte es eine Einmalzahlung der Verkehrsverwaltung von zwei Millionen Euro gegeben, mit der eine Reihe neuer Geräte gekauft wurde (siehe Kasten).

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