Verkehr : Radler sind oft selbst schuld an Unfällen

Jeden Tag sind in Berlin fast 20 Fahrradfahrer in Verkehrsunfälle verwickelt. In mehr als der Hälfte der Fälle sind sie selbst schuld.

von und Julia Rothenburg
Ein Rad kommt selten allein.
Ein Rad kommt selten allein.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Mehrere Unfälle haben am Montag den Blick erneut auf die Gefahren für Fahrradfahrer im Straßenverkehr gelenkt. In Prenzlauer Berg wurden eine Mutter und ihre beiden Kinder schwer verletzt. Die Mutter war ersten Ermittlungen zufolge von der Kniprodestraße über eine rote Ampel auf die Danziger Straße gefahren. Eine Autofahrerin konnte nicht mehr bremsen und prallte gegen das Rad. Der einjährige Sohn der Frau liegt noch immer mit schweren Verletzungen im Krankenhaus. In Schöneberg wurde ein Radler schwer am Kopf verletzt. Er liegt seitdem auf einer Intensivstation. Der 73-Jährige fuhr die Martin-Luther-Straße entlang, als er laut Polizei von der Busspur in den äußeren linken Fahrstreifen wechselte, ohne auf nachfolgenden Verkehr zu achten. Ein Auto erfasste den Radler.

In mehr als der Hälfte der Fälle sind die Radler schuld am Unfall

Mehr als die Hälfte aller Unfälle, an denen Radfahrer beteiligt sind, werden auch von ihnen verursacht. Radfahrer sind darüber hinaus immer wieder für Crashs verantwortlich, bei denen sie selbst nicht geschädigt werden – etwa wenn Autos wegen Radlern plötzlich bremsen müssen und so Auffahrunfälle verursachen.

"Klar fahre ich über Rot"

Die Mutter aus Prenzlauer Berg und der Senior aus Schöneberg sind also keine Ausnahmen: „Ja, ich fahre manchmal auch bei Rot über die Ampel“, sagt eine Kreuzberger Fahrradfahrerin, die am Dienstag bei 30 Grad am Anhalter Bahnhof unterwegs war. „Aber wenn ich im Auto bin, fahre nicht bei Rot – denn dann habe ich das Gefühl, jemanden verletzen zu können.“ Ähnlich gelassen sieht das ein Radfahrer aus Mitte: „Klar fahre ich über Rot, das schadet doch niemandem.“ Angst vor einer Strafe habe er nicht. „Das merkt doch niemand“, erklärt der Mann gelassen. Allerdings gibt es durchaus Strafen für risikofreudige Radfahrer – auch wenn sie nach Einschätzung von Juristen meist milder ausfallen als für Autofahrer. „So wird das Fahren über eine rote Ampel für Radler nur halb so teuer wie für Autofahrer“, sagt Roman Becker, Anwalt für Verkehrsrecht aus Charlottenburg. In der Regel würden bei Autofahrern zwischen 90 und 320 Euro Bußgeld fällig – je nachdem wie lange die Ampel auf rot war.

20 Fahrradunfälle pro Tag
Fast 20 Verkehrsunfälle mit Radfahrerbeteiligung gibt es in der Stadt jeden Tag, die meisten montags und dienstags. Und noch etwas ist bei Unfällen mit Radfahrern die Regel: Wie bei den aktuellen Zusammenstößen am Montag hat der Radfahrer verbotenerweise die Straße gekreuzt oder sich falsch in den Fließverkehr eingeordnet. Tödlich verunglückten im vergangenen Jahr neun Berliner Radfahrer, bei Unfällen mit Fahrrädern starben außerdem zwei Fußgänger. 2008 waren es insgesamt zwölf Tote, in diesem Jahr starb bis jetzt ein Radler. Besonders gefährlich für alle – auch ordnungsgemäß fahrende – Radler sind abbiegende Lastwagenfahrer, nicht zuletzt wegen des „toten Winkels“.
Anders als bei Autofahrern bleiben sowohl die Zahl die Unfälle, an denen Radfahrer beteiligt sind, als auch die Zahl der Verletzten annährend gleich. „Autos sind in den vergangenen Jahren immer massiver geworden und haben alle einen Airbag“, sagt ein Verkehrspolizist. Die Zahl der Verkehrstoten in Berlin sinkt: 2009 registrierte die Polizei 48 Tote, zehn Jahre zuvor waren es noch 103.

Kurse für ältere Radfahrer
Der Berliner Landesverband des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs war am Dienstag nicht zu erreichen. Der Fahrradclub will sich seinem Internetauftritt zufolge verstärkt der Verkehrssicherheit für Radler widmen. Geplant seien unter anderem Kurse für „ältere Radfahrer“ – laut Polizei eine besonders gefährdete Gruppe.

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