Vermisstenfall : Berliner Polizei sucht verschwundene Putin-Kritikerin

Die bekannte russische Künstlerin lebt seit November 2007 in Berlin und verließ am Karfreitag ihre Wohnung, um einkaufen zu gehen. Seitdem ist sie spurlos verschwunden. In Moskau stand die Künstlerin vor einigen Jahren vor Gericht.

Caroline Fetscher,Jörn Hasselmann

Die bekannte russische Künstlerin und Putin-Kritikerin Anna Mikhalchuk ist in Berlin spurlos verschwunden. Die 52-Jährige hatte nach Angaben der Vermisstenstelle am Nachmittag des Karfreitag ihre Wohnung nahe dem Lietzensee verlassen – um einkaufen zu gehen. Sie verabschiedete sich von ihrem Mann, dem in Russland ebenso bekannten wie umstrittenen Philosophen Michail Ryklin, und ging um 15.30 Uhr mit Geld, Brille und Schlüssel weg. Papiere und Telefon nahm die als zuverlässig eingestufte Frau dagegen nicht mit. Wieso sie am Feiertag einkaufen gehen wollte, als die Geschäfte geschlossen waren – das ist nur eines der Rätsel in diesem mysteriösen Fall. Erst kurz nach Mitternacht informierte ihr Ehemann die Polizei; einen Streit soll es nach seinen Angaben nicht gegeben haben.

Wegen der Prominenz der Frau begannen noch über die Feiertage umfangreiche Ermittlungen der Kripo bei Verwandten, Freunden und Bekannten – ohne jedes Ergebnis. Der für politische Delikte zuständige Staatsschutz der Polizei wurde eingeschaltet, erkennt jedoch nach einer Prüfung zunächst kein politisches Motiv. Dem Vernehmen nach soll auch der Bundesnachrichtendienst eingeschaltet sein; offiziell bestätigt wurde dies nicht.

Das Ehepaar war im November 2007 nach Berlin gezogen. Der 60-jährige Michail Ryklin hatte ein einjähriges Stipendium der Deutschen Forschungsgesellschaft als Gastprofessor am Institut für Slawistik der Humboldt-Universität erhalten. Im Februar hatte er seine Antrittsvorlesung gehalten, Thema: „Terror und Utopie“. Mikhalchuk, die unter dem Künstlernamen Altschuk auftritt, hatte 2003 in Moskau fünf Monate lang einen Prozess wegen der Kunstausstellung „Achtung, Religion!“ durchstehen müssen, die sie mitgestaltet hatte. Die Anklage hatte ihr „Schüren von nationalem und religiösem Zwist“ vorgeworfen. Die Staatsduma hatte gegenüber dem Generalstaatsanwalt behauptet, die Künstlerin habe die Gefühle orthodoxer Gläubiger verletzt. Orthodoxe Nationalisten hatten damals, wie berichtet, die Ausstellung verwüstet und die Künstler attackiert. Vor Gericht gestellt wurden jedoch nicht die Täter, sondern die Künstler, unter ihnen Altschuk wegen „Beleidigung der religiösen Gefühle des russischen Volkes“.

Michail Ryklin schilderte den Prozess und die antisemitischen Angriffe der Staatsanwaltschaft gegen seine Frau und deren Kollegen in seinem Buch „Mit dem Recht des Stärkeren“. Bei der Verhandlung, so schilderte er vor zwei Jahren auch in einem Interview mit dem Tagesspiegel, begegneten die Angeklagten massiver Gehässigkeit, Prozessbesucher beschimpften sie als „Juden“ und riefen ihnen zu, sie sollten aus Russland verschwinden. Gegen Anna Mikhalchuk gibt es anonyme Morddrohungen im Internet, ihrem Mann werfen nationalistische Russen seit Jahren „Hass auf Russland“ vor. Letztlich war Mikhalchuk freigesprochen worden. Ihr Ehemann hatte nach dem Mord an der regierungskritischen Journalistin Anna Politkowskaja in Moskau im Jahr 2006 die Regierung kritisiert. Tatsächlich hatte sich das seit 33 Jahren verheiratete russisch-jüdische Paar auf einen längeren Aufenthalt in Berlin eingestellt, berichten Freunde.

Bedroht fühlte sich das Ehepaar offenbar nicht, am Briefkasten finden sich ihre Namen. Auch habe kein Krimineller wissen können, dass die Frau ausgerechnet am Feiertag das Haus verlässt.„Das Paar ist mit dem russischen Staat aneinandergeraten. Eine Entführung sowohl aus politischen als auch aus finanziellen Motiven heraus ist aber unwahrscheinlich“, heißt es intern beim Landeskriminalamt. Das Paar hätte gerade das Nötigste zum Leben, wird in seinem Umfeld gesagt. Aufgrund ihrer Erfahrungen in Russland hätten die beiden zudem bemerkt, wenn sie hier ausspioniert worden wären, sagte ein Ermittler: „Wer Angst hat, merkt so was.“ Allerdings hatte die Frau vor kurzem gesagt, sie habe sich bei einem Vortrag beobachtet gefühlt.

Einen Unfall dürfte Anna Mikhalchuk auch nicht gehabt haben, sagte ein Ermittler. Krankenhäuser sind verpflichtet, unbekannte Unfallopfer oder verwirrte Personen, die ihren Namen nicht wissen oder nicht nennen wollen, innerhalb von drei Tagen bei der Polizei zu melden. Dennoch hat die Vermisstenstelle jetzt sämtliche Krankenhäuser angeschrieben – auch dies bislang ohne jedes Ergebnis.

Anna Mikhalchuk ist etwa 1,60 Meter groß und schlank. Sie hat dunkelblonde Haare und eine Pagenkopf-Frisur. Neben Russisch spricht die Vermisste sehr gut Englisch und etwas Deutsch.

Hinweise an die Polizei: 4664 912409

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben