Vermisstenfall : Russische Regimegegnerin bleibt verschwunden

Bei der Polizei ist bislang kein einziger Hinweis über den Verbleib der russischen Künstlerin Anna Mikhalchuk eingegangen. Freunde berichten mittlerweile von Drohungen gegen das aus Moskau stammende Ehepaar.

Caroline Fetscher,Jörn Hasselmann
Mikhalchuk Foto: Polizei
Die vermisste Anna Mikhalchuk. -Foto: Polizei

Das Verschwinden der russischen Künstlerin und Regimekritikerin Anna Mikhalchuk bleibt rätselhaft. Die Kripo hat weiter keine Hinweise auf den Aufenthaltsort. Möglich sind eine Straftat, ein Suizid oder ein freiwilliges Untertauchen. Wie berichtet, hatte sich die 52-Jährige am Nachmittag des Karfreitag von ihrem Ehemann, dem renommierten Philosophie-Professor Michail Ryklin, verabschiedet. Sie gehe einkaufen, sagte sie und nahm Geld, Schlüssel und Brille aus der gemeinsamen Wohnung zwischen Stadtautobahn und Lietzensee mit. Seitdem wurde sie nicht mehr gesehen. Gestern ging kein einziger Hinweis bei der Polizei ein. Bereits am Wochenende hatten Ryklin und die Polizei sämtliche Bekannte der Frau befragt und alle Nummern gewählt, die in ihrem Mobiltelefon gespeichert sind. Dieses hatte sie ebenso zuhause gelassen wie ihre Papiere.

Das Ehepaar hatte in den vergangenen Jahren mehrfach Konflikte mit dem russischen Staat. 2003 hatten die Behörden einen mehrmonatigen Prozess gegen die Künstlerin wegen der Kunstausstellung „Achtung, Religion!“ angezettelt. Zwar war die Jüdin frei gesprochen worden, doch die Angriffe und Attacken haben Nerven gekostet, berichten Freunde. Die Vermisstenstelle der Polizei hatte noch am Wochenende den für politische Delikte zuständigen Staatsschutz eingeschaltet, der hat jedoch mit der Begründung, dass die Vorfälle in Russland lange zurückliegen, weitere Ermittlungen abgelehnt.

Freunde des Paares sind verärgert, dass die Polizei die politische Komponente des Falles nicht ernst nimmt. „Eine politische Motivation ist möglich“, sagt Professorin Sylvia Sasse, die Direktorin des Instituts für Slawistik an der Humboldt-Universität (HUB). Schließlich seien beide in Russland bedroht worden.

Das Paar litt vor allem seit dem Prozess gegen Mikhalchuk unter Drohanrufen, Schmähbriefen und unverhohlenen, oft antisemitischen „Warnungen“ von Nationalisten, sie sollten Russland verlassen. Ryklin wurde vor allem nach dem Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja angefeindet, weil er offen die Regierung beschuldigte. „Er gilt als einer der profiliertesten und meistgefährdeten Regimegegner Russlands“, hieß es in der Einladung zu seiner jüngsten Lesung.

Anna Mikhalchuk machte das besonders zu schaffen. Die 52-Jährige war schon als Studentin sensibel und vielseitig begabt, berichten Freunde. Sie schrieb Gedichte, las mit Hingabe russische Literatur. Auch Werke in der Sowjetunion verbotener Autoren wie Solschenyzin kursierten unter den Intellektuellen. Tief beeindruckt hatte sie sein „Erster Kreis der Hölle“, wo sie zum ersten Mal vom Gulag und von den stalinistischen Repressionen erfuhr. Dass sie nun möglicherweise ein Opfer russischer Repression wurde, sei eine entsetzliche Vorstellung, hieß es in ihrem Umfeld.

2006 hatte Ryklin die ersten Vorlesungen in Köln, im November 2007 kamen beide nach Berlin. An der HU hat Michail Ryklin in diesem Jahr eine Gastprofessur, dort sollte auch seine Frau im Sommersemester ein Seminar halten: „Neueste russische Poesie“. „Sie hatte so viele Pläne“, berichtet Professorin Sasse. Auch eine Ausstellung mit ihr sei geplant gewesen.

In dem Brief, den Ryklin an die Polizei geschrieben hat, heißt es: „Auch innerhalb der BRD sind russische Dissidenten nicht vor gewalttätigen Zugriffen sicher.“ Freunde berichten, dass es russische Normalität sei, Kritiker im Ausland in politische Schwierigkeiten zu verwickeln und damit ihre Rückkehr zu erschweren. Denn langfristig wollen Ryklin und Mikhalchuk nach Moskau zurückkehren, berichten Freunde. Klar sei aber auch, erzählen Freunde, dass die Schmähungen an der Künstlerin nicht spurlos vorbeigegangen sind – Anna Mikhalchuk litt unter Depressionen.

Erst am Tag vor Karfreitag war sie mit ihrem Mann aus Stuttgart zurückgekommen, wo Ryklin eine Lesung hatte. „Meine Frau war noch nie in Süddeutschland“, hatte Ryklin den Veranstaltern im „Bilderhaus Gschwend“ gesagt und gebeten, eine Stadtführung in Stuttgart zu ermöglichen. „Sie hatte viele Pläne und wirkte fröhlich“, sagte Martin Mühleis, der Organisator vom „Bilderhaus“: „Nichts an ihr schien deprimiert.“

Hinweise unter 4664 912409.

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