Vor 100 Jahren starben 19 junge Frauen : Das fast vergessene Bahnunglück von Berlin-Rahnsdorf

Es ist eines der folgenschwersten Eisenbahnunglücke in Berlin - und trotzdem fast vergessen: Vor 100 Jahren starben 19 junge Frauen in Rahnsdorf.

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Die IG Historische Friedhöfe hat den Gedenkstein für die Opfer initiiert.
Die IG Historische Friedhöfe hat den Gedenkstein für die Opfer initiiert.Foto: Wikipedia

Der 11. November 1916 war ein trüber, nebeliger Tag. Deutschland steckt im Ersten Weltkrieg, die Männer sind an der Front. Deshalb müssen zum Dienst verpflichtete Frauen aus Schlesien in der Reichshauptstadt Gleise reparieren. Seit dem frühen Morgen arbeiten 26 Frauen, alle im Alter zwischen 19 und 27 Jahren, zwischen Rahnsdorf und Wilhelmshagen. Die Strecke Berlin-Frankfurt (Oder), die alte Niederschlesisch-Märkische Eisenbahn, verläuft hier durch den Köpenicker Forst. Um 8.56 Uhr gibt der Streckenposten bei Kilometer 20,2 ein Warnsignal, denn aus Richtung Erkner kommt ein Militärzug. Die Frauen treten in das Nachbargleis, um die Vorbeifahrt des Zuges abzuwarten. Ein tödlicher Fehler.

Der "Balkan-Express" näherte sich mit Tempo 100

Denn mit Tempo 100 nähert sich auf diesem Gleis der "Balkan-Express". Fast ungebremst rast der Schnellzug in die "Rotte", so heißt eine Gruppe Gleisarbeiter bei der Bahn. 18 Frauen sterben sofort, eine weitere später im Krankenhaus. Nur sieben Arbeiterinnen konnten sich mit einem Sprung in Sicherheit. Das zu spät abgegebene Warnsignal für den zweiten Zug hatten sie nicht gehört, vermutlich durch das laute Rattern des Militärzuges. In der Kurve hatte der Lokführer die Frauen nicht eher sehen können. "Die Einweisung der Frauen über die Gefahren in Gleisanlagen dürfte nur oberflächlich gewesen sein", schreiben die "Verkehrsgeschichtlichen Blätter". Die von Berliner Eisenbahnfreunden seit über 50 Jahren herausgegeben Zeitschrift erinnert in ihrer jüngsten Ausgabe an das Unglück.

Den Opfern wurde die Schuld zugeschoben

Besonders bitter: Behörden und die "Schlesische Hoch- und Tiefbaugesellschaft Breslau" versuchten damals, den Frauen eine Mitschuld zu geben, sie hätten mit den aus den Fenstern winkenden Soldaten "gescherzt". Dieses Märchen sollte wohl von eigenem Verschulden ablenken. Nie geklärt wurde, ob der Lokführer des Schnellzuges über die Arbeiten an der Strecke informiert war, wie es eigentlich Vorschrift war.

Der Sicherungsposten wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Der Mann verlor seine eigene Tochter bei dem Unglück. Die Zeitungen der Hauptstadt sollen damals nicht berichtet haben, nur in lokalen Zeitungen soll es damals Meldungen über das Unglück im dritten Kriegsjahr gegeben haben. Dieses Verschweigen ist wohl ein Grund dafür, dass das Unglück heute weitgehend vergessen ist.

Die DDR ließ den Gedenkstein entfernen

Die Frauen stammten aus den damals schlesischen Orten Türkwitz (Turkowy) und Deutsch-Rasselwitz (Raclavice Slaskie), seit zwei Wochen waren sie dienstverpflichtet zur Arbeit in Berlin. Beigesetzt wurden die Opfer am 16. November auf dem Friedhof Rahnsdorf in einem Gemeinschaftsgrab unter großer Anteilnahme der Bevölkerung. Den Gedenkstein von 1916 hatte die DDR beseitigt, vermutlich wegen des Wortes "Schlesien", die Gräber wurden eingeebnet. Erst seit etwa zehn Jahren gibt es einen neuen Gedenkstein mit den Namen der 19 Opfer, darunter waren vier Geschwisterpaare. Initiiert wurden Stein und Tafel von der Interessengemeinschaft Historische Friedhöfe. Auch das Bezirksamt Treptow-Köpenick erinnert an die Gedenkstätte.

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