Vor Gericht : Gedopte Titanen

Es geht um einen der größten Doping-Prozesse bislang. Elf Männer und zwei Frauen müssen sich heute vor Gericht wegen Anabolika-Handels verantworten. Sie sollen im großen Stil in der Bodybuilder-Szene Wachstumspräparate verkauft haben.

Kerstin Gehrke

Gleich mehrere „Superstars“ aus der Bodybuilder-Szene werden am heutigen Montag in den Gerichtssaal marschieren: Nach zweijährigen Ermittlungen mit bundesweiten Razzien beginnt der Prozess gegen Schwergewichtler Boris K. sowie zehn weitere Männer und zwei Frauen. Es geht um illegalen Anabolika-Handel in insgesamt 449 Fällen. Ein Großverfahren. Die Anklageschrift ist 374 Seiten dick.

Die Szene war schockiert, als die Festnahme von Boris K. bekannt wurde. „Weiß jemand, wie es ihm geht?“, forschten Fans des Berliners im Chat. Der 32-Jährige war im August 2006 in Zusammenarbeit mit polnischen Behörden in einem Dorf bei Danzig gefasst worden. Damals hatten 240 Beamte an 52 Orten in Berlin, Brandenburg, Niedersachsen und in Polen vor allem Wohnungen, aber auch Fitness-Studios durchsucht. Bei K. seien auch selbst hergestellte Anabolika-Präparate sichergestellt worden, hieß es.

Zwei Monate später frohlockte ein Bewunderer von K. im Internet: „Das Ganze gerät jetzt schon in Vergessenheit.“ Das Gegenteil war der Fall. Mutmaßliche Komplizen von K. wurden verhaftet, im schleswig-holsteinischen Büsum ein Labor zur Produktion von Dopingmitteln ausgehoben. In der Garage stand auch eine Tablettenpressanlage, auf dem Grundstück lagerten mehrere Hundert Kilo Medikamentengrundstoffe teils chinesischer Herkunft. Der 42-jährige Garagenbesitzer ist einer der Angeklagten.

Boris K. soll ein Studium geschmissen haben, um sich ganz der Formung seines Körpers zu widmen. Er schaffte es in die deutsche Spitze. Aus Sicht der Ermittler auch mit Hilfe von Pillen. Ein teures „Hobby“ – er soll in den Anabolika-Handel eingestiegen sein und ein Vertriebsnetz aufgebaut haben. Die Mitangeklagten seien Teil dieser Gruppierung gewesen oder hätten als seine Geschäftspartner unabhängig Muskel-Aufbaupräparate an Bodybuilder verkauft. In Berlin soll eine Betreiberin eines Fitness-Studios für K. das Doping-Geschäft organisiert haben, in Hannover ein 48-jähriger Angeklagter.

Neben K. müssen sich weitere „Titanen“ der Szene verantworten. Der Angeklagte Johannes E. hatte es im Jahr 2002 zum Bodybuilding-Weltmeister gebracht, seine Ehefrau Sybille ist zweifache Deutsche Meisterin. Der 40-jährige E. soll aus Griechenland Anabolika bezogen und auch die Organisation von K. beliefert haben. Im September 2006 wurde E. festgenommen. Einige Wochen später aber wurde er von weiterer Untersuchungshaft verschont. Er soll herzkrank sein.

Anabolika verhelfen Bodybuildern zwar kurzfristig zum schnellen „Bizeps-Glück“. Die Skala der Nebenwirkungen aber reicht vom Lust- bis zum Lebensverlust. Offiziell sind Anabolika in Deutschland nur auf Rezept zu bekommen. Der illegale Handel gilt als Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz und kann mit Haftstrafen von bis zu zehn Jahren geahndet werden.

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