Zivilcourage : Attacke mit Axt – Zeugen vertrieben Gewalttäter

Berliner schauen bei Verbrechen offenbar nicht länger weg. Die Berliner Polizei rät zur Vorsicht: Helfen, aber nicht den Helden spielen.

Rita Nikolow,Christina Kohl

Passanten fassen sich ein Herz, greifen ein – und werden für ihren Mut verprügelt. Die Zahl brutaler Übergriffe auf Menschen, die in Berlin Zivilcourage zeigen, reißt seit Tagen nicht ab. Das hat eine Debatte entzündet: Wie kann ich anderen helfen, ohne selbst in Gefahr zu geraten? Volker Ratzmann, Grünen-Fraktionsvorsitzender im Berliner Abgeordnetenhaus, lobt die mutigen Menschen. Die Berliner hätten gerade bei Vorfällen in öffentlichen Verkehrsmitteln beherzt eingegriffen. Beispielhaft war für Ratzmann das Eingreifen dreier arabischstämmiger Jugendlicher im vergangenen Jahr, als eine Frau überfallen wurde. „Wir brauchen Zivilcourage, aber kein falsches Heldentum“, betont Ratzmann aber. Dilek Kolat, stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende, hält in Sachen Zivilcourage Vorbilder für besonders wichtig: „Menschen, die Zivilcourage bewiesen haben, müssen stärker gewürdigt werden.“

Erst am Donnerstag haben Berliner wieder ihren Mut bewiesen. Die zwei Passanten, die zwei 31-jährigen Männern in Prenzlauer Berg zur Hilfe kamen, blieben glücklicherweise unverletzt. Die beiden Opfer waren in der Anton-Saefkow- Straße mit einer Axt und einer Eisenstange attackiert worden. Als die Passanten die Täter anschrieen, ließen diese von ihren Opfern ab. Einer der Männer kam mit schweren Kopfverletzungen in eine Klinik. Sein Begleiter wurde ambulant behandelt.

Seit dem Jahreswechsel gibt es fast täglich neue Meldungen: Am Silvesterabend warfen zwei Jugendliche einen 51-Jährigen zu Boden, schlugen und traten ihn. Der Mann hatte sie gebeten, keine Böller mehr auf den Bahnsteig zu werfen. Am Mittwochabend wurde ein Busfahrer in Lichtenrade mit der Faust ins Gesicht geschlagen, nachdem er drei Personen dazu aufgefordert hatte, mit dem Zerkratzen einer Scheibe aufzuhören. Wenige Stunden später wurden zwei Männer von einer Jugendgruppe angegriffen, die zuvor an einer Straßenbahnhaltestelle Scheiben demoliert hatte.

Die Übergriffe zeugen von der Brutalität der Täter – sie zeigen aber auch, dass sich die Berliner nicht davon abbringen lassen, einzugreifen, wenn Dinge beschädigt und Menschen belästigt werden.

Markus Löning, Landesvorsitzender der FDP, fühlt sich in Berlin sicher: „Ich habe das Gefühl, dass die Berliner darauf achten, was um sie herum passiert.“ Wenn sich ein Passant in eine Konfliktsituation einmische, sei es wichtig, dass dieser nicht alleingelassen werde. Das „Sich-Einmischen“ müsse bereits in der Schule trainiert werden, findet Löning.

„Berlin hat als tolerante Stadt Vorbildcharakter“, sagt Carola Bluhm, Fraktionsvorsitzende der Linken. In Sachen Zivilcourage sei es wichtig, nicht nur über die Übergriffe zu sprechen, sondern auch darüber, was gegen Gewalt getan wird.

„Wir fordern förmlich dazu auf, uns zu helfen“, sagt Polizeisprecher Schodrowski. Den Helden zu spielen, davon rät aber auch er den Berlinern ab: „Wichtiger ist es, dass jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten handelt, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.“ Umstehende anzusprechen, gemeinsam zu handeln – Polizisten nennen das „active coaching“ – macht die Täter unsicher. Oft reiche das schon, um zu helfen, ist die Erfahrungen vom Beamten. Zivilcourage zeigen fange aber schon bei viel kleineren Dingen an. Zu hören ist davon in den meisten Fällen allerdings nichts – weil die Interventionen erfolgreich sind und die Angesprochnen ohne Aggression reagieren. Wenn jemand in der U-Bahn einen anderen Fahrgast auffordert, mit den Schmierereien an den Fenstern aufzuhören: All das sind für Polizeisprecher Schodrowski Fälle, in denen Menschen Courage beweisen. Der guten Sache wegen, nicht für das große Lob. Sie setzen sich ein für eine bessere Gemeinschaft und für das Leben Einzelner.

Präventions-Trainingskurse finden alle zwei Monate bei der Polizei am Kaiserdamm 1 statt, bei großer Nachfrage werden zusätzlich Termine angeboten. Nächstes Seminar ist am 19. Februar um 18 Uhr. Informationen unter www.berlin.de/polizei/praevention/gewalt/

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